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Update: 12. Juni 2010
AUF DIESER SEITE
Uraufführung
"Die Kardinälin - Eine Ohnmacht" in Klagenfurt, Oberwart und Wien
- Kritiken
Rezension
"Die Burgenbürger" - APA, 4. Feber 2010
"Die Burgenbürger"
- 2 Videos auf YouTube
Rezension
"Die Burgenbürger" - Die Presse, 9. Jänner 2010
Offener
Brief an den Landeshauptmann von Burgenland - 4. Jänner 2010
Rezension
"Die Burgenbürger" - Der Standard, 21. November 2009
Rezension
"Die Burgenbürger" - BVZ, 16. Dezember 2009
Essay zu "Die
Burgenbürger" von Siegmund Kleinl - November 2009
Ausgewählte Zitate
von Peter Wagner zu "Die Burgenbürger"
Stücke
zur Erst- bzw. Uraufführung frei
Artikel und Filme über
Roma von Peter Wagner
Die Kardinälin –
eine Ohnmacht
Stück für Bühne und ein abgestelltes Subjekt
von Peter Wagner
2005/2010
Eine Produktion des Klagenfurter Ensembles
in Zusammenarbeit mit dem Offenen Haus Oberwart
Die Kardinälin: Heinrich Baumgartner
Noch Jemand: Erich Pacher
Inszenierung, Bühne und Musik: Peter Wagner
Bildershow
- hier klicken!
Termine:
Klagenfurter Ensemble
Di, 11. Mai, 20.00 h, Premiere
Mi, 12. Mai, 20.00 h
Do, 13. Mai, 20.00 h
Fr, 14. Mai, 20.00 h
Offenes Haus Oberwart
Do, 27. Mai, 20.00 h, Premiere
Fr, 28. Mai, 20.00 h
Sa, 29. Mai, 20.00 h
So, 30. Mai, 11.00 h Matinee
3raum Wien
Di, 8. Juni, 20.00 h
Mi, 9. Juni, 20.00 h
Do, 10. Juni, 20.00 h
Sa, 12. Juni, 20.00 h
Zum Stück
"Die Kardinälin - Eine Ohnmacht"
Zur
Inszenierung mit Kritiken
Fotos: Günter Jagoutz
Bejubelte ke-Uraufführung: „Die Kardinälin. Eine
Ohnmacht“
Salz in Wunden streuen
Das Kardinalsrot hat sich zu einem Meer aus Seide verdichtet, das
die Bühne unter sich begräbt. Die schwarzen, glänzenden
Schuhe, die an seinem Ufer stehen, bemerkt man kaum. Es sind die
Schuhe eines verbitterten, alten Mannes, der über seine Schuld
den Mantel des Schweigens breitet und im Schwemmland der Seele mit
sich kämpft. Die Absolution für seine sexuellen Übergriffe
erteilte auch Regisseur Peter Wagner nicht, der für das klagenfurter
ensemble (ke) Dienstag zur Uraufführung „Die Kardinälin“
vivisezierte.
Der Fall Groer stand Pate für das 2005 entstandene Stück
des burgenländischen Autors, Verlegers und Regisseurs, der
sich mit dem Monolog eines krankhaften Geistes tief in den fauligen
Morast eines kirchlichen Machtmenschen begibt. Dieser stellt mit
glühender Verachtung sich selbst als Teil einer nur allzu menschlichen
Institution an den Pranger, in der eine intrigante Neidgesellschaft
mit Vertretern der Mittelmäßigkeit regiert, „die
dir sogar den Glanz deiner Schuhe neiden.“
Wagners dichtes, philosophisch unterfüttertes und bis an die
Grenze des Erträglichen intensives „Zwiegespräch“
eines Knabenschänders ausschließlich als einseitigen
Rundumschlag gegen eine verkommene Kirche zu verstehen, sollte man
tunlichst unterlassen. Denn auch wenn da absolute Reizthemen wie
Frauenverachtung und Missbrauch schonungslos an- und ausgesprochen
werden, so ist es doch immer „nur“ die fiktive (?) Projektion
eines Menschen zwischen Schuld und Sühne, der sich in der Gnade
Gottes wiegt und von seiner „Muttermacht Kirche“ und
dem „perfekten Showman Ratzinger“ verraten fühlt
– als eines seiner Missbrauchsopfer DEN österreichischen
Kirchenskandal nach 1945 auslöst. Sich im Recht zu glauben,
ohne ihm Recht zu sein: Diese Diskrepanz ist die Projektionsfläche,
an der sich „die Kardinälin“ Heinrich Baumgartner
reibt: Jeder noch so kleine Blick, jede noch so unbedeutende Geste
ist da ein in sich geschlossenes Gesamtkunstwerk, das brennender
Wut, tollwütigem Hass, geifernder Geilheit, triefendem Selbstmitleid
und ratloser Resignation Haut, Fleisch und Sehnen „überzieht“
und mit monströser Verblendung beseelt.
Ergänzt von Erich Pacher, der als Randfigur den androgynen
Lustknaben wieder Willen perfekt personifiziert, 70 Minuten, die
Salz in (Kirchen)Wunden streuen, die vielleicht ja doch einmal heilen,
wenn man sie nicht mehr totschweigt ...
Irina Lino, Kronen-Zeitung, 13.5.2010

Gespenstisches Bild eines Ungeheuers
Uraufführung von Peter Wagners „Die Kardinälin“
beim klagenfurter ensemble: höchst stimmige Leistungen. Ein
Stück über ein degoutantes Selbstbild: zum Grausen gut
geschrieben, gut gemacht und gut gespielt.
Eine Welle aus Purpur ist die Bühne: Abgeschirmt oder in Einzelhaft,
je nach Standpunkt, sitzt dahinter einer, der von Mandelpudding
träumt, sich über den Glanz seiner Schuhe definiert und
in einem halb inneren, halb äußeren Monolog in allen
Hirnwindungen nach Rechtfertigung sucht: Warum er sich denn nicht
rechtfertigen müsse! Streckenweise wird einem übel ob
der Ungeheuerlichkeiten, die zu hören sind: Da spricht ein
Versteckter, der durch Liveübertragung auf der Videowall Macht
und Ohnmacht demonstriert, in gefinkeltzer Rhetorik seinen Sonderstatus
poliert, ein grässliches Frauenbild innerhalb der Kirche zeichnet
und nach unschuldigen Kinderaugen und Popos von Knaben lechzt, weil
sie ja nicht die Hurenwelt wären ... Ein starrsinniger, unbelehrbarer
Selbstherrlicher, der sich als Mutter Kirche sieht, stolz ist, „Kardinälin“
gerufen zu werden, und Gott in Kumpanei nimmt: „Er schweigt
– und ich schweige!“ Peter Wagner bietet einen Text
an, der ihn als präzisen Profiler ausweist: Er lässt den
Kardinal ein Bild von sich selbst zeichnen, aus dem es aus jeder
Ritze zwischen Grau und Schwarz quillt. Da bleibt der Kindesmissbrauch
„nur“ Anlass zum Lamento: Nie geht es um Opfer. Und
die hätten, wäre eines anwesend, noch schwerer an der
Selbstsicht dieses Kirchenmannes zu tragen, als bei der Opfer-Täter-Begegnung
in Felix Mitteres „Beichte“. Peter Wagner liefert einen
minutiösen Text, eine gekonnte Inszenierung; Heinrich Baumgartner
als „Karidnälin“ (im punktgenauen Spiel mit dem
Licht) ein Porträt, das in die letzte Pore schauen lässt.
Erich Pacher gibt eine stellvertretende Reaktion, die der Zuschauer
braucht. Wer sich immer schon fragte, was in einem Ungeheuer vor
sich geht, muss einfach hin ...
Maja Schlatte, Kärntner Tageszeitung, 13. Mai 2010


Verführung im Schatten
Ein Abend in Kardinalsrot: das klagenfurter ensemble brachte Peter
Wagner Theatermonolog „Die Kardinälin“ zur Uraufführung.
Nach dem Tod von Kardinal Hans Hermann Groer 2003 bat Kardinal König
darum, „davon Abstand zu nehmen, die Wunden der Vergangenheit
aufzureißen“. Er vertraute darauf, dass die Forschung
imstande sein werde, „Licht und Schatten deutlicher zu benennen“.
In Klagenfurt versucht nun nicht die Forschung, sondern die Kunst,
Licht in die Affaire Groer zu bringen, die zur bislang größten
Krise der Katholischen Kirche in Österreich geführt hat.
Am Dienstag wurdem vom klagenfurter ensemble Peter Wagners „Die
Kardinälin – Eine Ohnmacht“ aus der Taufe gehoben.
Und sie führt vor allem in den Schatten.
Das suggeriert schon sehr geschickt die Bühnenarchitektur:
„Die Kardinälin“ (Heinrich Baumgartner), an den
Rollstuhl gefesselt und in ein Kloster abgeschoben, wird, verborgen
hinter einem kardinalsroten Vorhang, für das Publikum nur über
einen Monitor und das Schattenbild sichtbar. Die Fäden ziehen
längst andere – symbolisiert durch ein „Subjekt“
am Regiepult (Erich Pacher), das gleichzeitig Stichwortgeber, Opfer
und Öffentlichkeit ist. Allesamt Funktionen, denen „Die
Kardinälin“ – das war schon seit Spitzname während
der Zöglingszeit – unberührt gegenübersteht.
Denn er sieht sich als das eigentliche Opfer: „Wir haben unserem
geliebten Gott gehuldigt. In höchster Liebe.“
Peter Wagner polemisiert nicht und er polarisiert nicht. Weder in
seinem Text noch in seiner Regie. Ihm geht es nicht um Anklage,
ihm geht es um das Verstehen. Und dort liegt letztlich das Problem,
das auch Peter Wagner nicht lösen kann: Der geschickt gebaute
Theatermonolog, die kluge Regie und der mimisch und gestisch grandiose
Heinrich Baumgartner, der sich dem Text ganz aussetzt, können
nicht darüber hinwegtäuschen, dass versucht wird, einen
Mann zu verstehen, der letztlich nicht verstanden werden kann. Und
dessen Schicksal deshalb nicht wirklich berührt. Das ist eigentlich
gut so. Nur nicht unbedingt für das Stück.
Marianne Fischer, Kleine Zeitung, 13. Mai 2010

Die Kardinälin - Eine Ohnmacht
Uraufführung im Klagenfurter Ensemble
Sexueller Missbrauch wird der Kardinälin in Peter Wagners Stück
vorgeworfen. In einem Kloster sitzt er, in seinem Rollstuhl und
redet, träumt von vergangener Größe. Dem burgenländischen
Autor und Regisseur geht es aber nicht um Anklage, sondern um das
Drama eines Menschen.
Die Kardinälin will sich nicht erinnern, will für nichts,
auch nicht für den sexuellen Missbrauch an den ehemaligen Zöglingen,
die Verantwortung übernehmen, zeigt keine Spur von Reue oder
Einsicht: "Kein einziger wurde missbraucht, wir haben unserem
verliebten Gott gehuldigt. In höchster Liebe!"
Angelehnt an die Affäre Groer
Die Anklage überlässt Peter Wagner, der auch selbst Regie
führt, bewusst anderen, der öffentlichen Meinung oder
den Medien. Literatur hat einen anderen Auftrag, soll in die Seele
des Menschen hineingehen, meint er.
Angelehnt ist das Stück an die Affäre Groer. Auch die
Kardinälin sitzt alleine in einem Kloster und wartet auf das
Ende. Kann sich nicht mehr bewegen. Ist auf Hilfe von außen
angewiesen. Sogar beim Zubinden der Schuhe, denen er seinen Beinamen
verdankt. Sichtbar wird das Drama eines Menschen. Verantwortung
übernimmt dieser Mensch aber nicht.
Glaube als Machtinstrument
Der Glaube, so Peter Wagner, ist eigentlich das Instrument für
die Handhabung der Macht. Unterordnung ist alles: Unterordnung unter
das göttliche Prinzip und Unterordnung unter das hierarchische
Prinzip der katholischen Kirche. Politiker oder Tyrannen können
abgewählt, gestürzt werden, die Vertreter der katholischen
Kirche nicht, sie bleiben immer "Seelsorger".
Ihr Missbrauch trifft die Menschen in ihrem Innersten. Und sie können
sich oft nicht mehr aus diesen zutiefst verletzenden Abhängigkeiten
lösen. Die Täter verdienen, davon ist Peter Wagner überzeugt,
kein Mitleid, aber Erbarmen.
Unfehlbarer Papst
Benedikt XVI. kommt im Stück noch als Joseph Ratzinger vor.
Für Peter Wagner wird seine Rolle durch die aktuelle Diskussion
immer klarer: Als Papst ist er, der eigenen Diktion zufolge, unfehlbar.
Das bedeutet, er kann nicht wirklich hinterfragt werden und hat
daher auch nicht das Gefühl, Antworten geben zu müssen
auf Fragen, die er sich selbst nicht stellt.
Miochaela Monschein, Ö1 Kulturjournal, 11.5.2010

Die Göttin und der Gelähmte
Rot – überall Rot. Wallende, erdbeerrote Tücher
umhüllen die Bühne, darin versunken ein Geistlicher. Ein
Kardinal, der Vorgänger des heutigen Erzbischofs von Wien.
Und er sieht Rot.
Als "Die Kardinälin" stellt er bei der Uraufführung
im 3raum Anatomietheater die katholische Kirche an den Pranger.
Denn statt wie bisher ihre schützenden Hände über
ihn zu halten, wirft sie plötzlich mit Steinen nach ihm. "Ratzinger
scheint nicht mehr hinter mir zu stehen. Und auch St. Pölten
kann nicht helfen." Denn einer der von ihm "so sehr geliebten"
Zöglinge hat sich mit dem Vorwurf des sexuellen Missbrauchs
an die Öffentlichkeit gewandt – und mit dem Durchbrechen
der Schweigemauer einen Stein ins Rollen gebracht.
Beeindruckend und zugleich erschütternd übt der Kardinal
im Exil aggressive Selbstverteidigung statt der erwarteten Selbstkritik.
Exzellent wird die Idee, dass sich der Protagonist nicht als Täter,
sondern Opfer sieht, auf die Bühne gebracht. Gefesselt an den
Rollstuhl und gefangen im eigenen Körper, verliert er sich
in Tiraden gegen all jene, die an den Grundfesten der Kirche zu
rütteln scheinen. Doch eigentlich ist es die eigene Blindheit,
die ihn lähmt. Hält er doch sprachgewaltig an seinem Glauben
fest, dass er die Minderjährigen vor der Ursünde einer
Hure bewahrte.
Trotziges Schweigen
Letztendlich beschließt er trotzig, fortan zu schweigen. Womit
der Kreis zu den Opfern geschickt geschlossen wird, die ihr Schweigen
gebrochen haben. So ausgefeilt der einstündige Monolog (beachtlich:
Heinrich Baumgartner) auch ist – alle Besucher vermochte er
nicht zu fesseln. Nach zehn Minuten verließen die ersten den
Saal.
Ach ja, und warum ist der Mann eigentlich "Die Kardinälin"?
Die Erklärung bleibt dieser schuldig, ein Spitzname sei es,
geboren bei einem Seminar. Zwischen den Zeilen findet sich dennoch
eine Antwort, mit der die Selbstverherrlichung des Protagonisten
auf die Spitze getrieben wird: "Wie ich bin, bin ich aus mir.
Ich danke mir. Der Mutter Gottes."
Petra Templer, Wiener Zeitung, Printausgabe, 10. Juni 2010
Von allen guten Geistern verlassen?
"Die Kardinälin" - ein Stück, das über
Groers Missbrauch hinausgeht
Eine mystisch anmutende Bühne. Sie hat was von einer Kirche.
Alles in rotes Tuch gehüllt. Einzig befremdlich wirkt ein Laptop
auf dem Tisch und eine weiße Projektionsfläche im Hintergrund..
In einer großen Nische, die das rote Tuch bildet ein geheimnisvolles
Etwas. Ein hagerer Mann mit langen Haaren kommt herein.Erinnert
an Bilder von Jesus.
Von Gnade und Erlöser ist die Rede. Das Geheimnis in der Nische,
vielleicht einem Beichtstuhl, wird gelüftet. Tief in sich zusammengekauert
ein Mann mit Kardinalskapperl auf dem Hinterhaupt war nochmals mit
rotem Stoff zugedeckt. Der - nach Stückangaben "Noch Jemand",
nimmt ihm das Tuch ab. Per Videokamera wird der Mann im Stuhl, "die
Kardinälin" auf die Leinwand vorne übertragen. Manchmal
aufgerichtet, manchmal zusammensinkend blickt diese Person auf ihr
Leben zurück. Vorlage für sie/ihn: Hans Hermann Groer.
Jener einst oberste Bischof der österreichischen katholischen
Kirche war vor allem berühmt geworden, als v or ca. 15 Jahren
einer seiner einstigen Zöglinge die mehrfache sexuelle Ausbeutung
durch Groer ans Licht der Öffentlichkeit brachte. Mauern, nichts
sagen, schon gar nicht verurteilen - so die Linie der Krichenführung.
Nur aus dem Verkehr gezogen wurde Groer, zurückgezogen in einem
Kloster verbrachte er seine letzten Jahre.
Grundfragen
Hier siedelt Peter Wagner sein Stück an. Immer wieder jucheizt
er/sie (sein "Spitz"name in seiner aktiven Zeit lautete
"Die Kardinälin") "Mandelpudding". Das
löst er im Lauf des Stückes auf und hat genau mit jenen
Vorwürfen, die ihn berühmt machten und zu denen er nie
Stellung nahm, zu tun.
Anonsten beklagt er, eigentlich der beste, größte und
so weiter gewesen und von den anderen, selbst Ratzinger, nicht mehr
geschützt zu sein, von den anderen, alle eigentlich nur Mittelmaß,
abgestellt worden zu sein... Und spricht Grundfragen an, die weit
über sexuelle Ausbeutung junger Christen hinausgeht, dass für
das Reich Gottes und diese Kirche "Demokratie Unsinn"
seien...
Heinz Wagner, Kurier, 12. Juni 2010
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apa/KI 20100204_APA0059 4.2.2010 08:28:40
Literatur; Neuerscheinung; Rezension; Burgenland
Burgenländischer Volksbuch-Versuch:
Peter Wagners "Die Burgenbürger"
Der verstorbene Alt-Kanzler Fred Sinowatz steht im Mittelpunkt
eines bunt illustrierten Romans, der Landesgeschichte, Märchen
und Polit-Satire mischt (Von Wolfgang Huber-Lang/APA)
Wien (APA) - Dass er eines Tages als Romanheld wiedergeboren werden
würde, hätte sich der 2008 verstorbene Fred Sinowatz wohl
nicht träumen lassen. In "Die Burgenbürger",
einem literarischen Experiment des südburgenländischen
Autors und Regisseur Peter Wagner (53), steht er im Zentrum eines
eigenwillig bis skurril anmutenden Streifzugs durch die pannonische
Sagenwelt und die burgenländische Geschichte.
Doch nicht nur die charakteristische Nase des Alt-Kanzlers steht
einem dank der Illustrationen von Henryk Mossler bei der Lektüre
des dicken Heimatbuches beständig vor Augen. Für den zweiten
Protagonisten, den Jungpolitiker Pinz Joe, der so gerne die Führung
im Lande übernehmen würde, aber noch viel zu lernen hat,
ist wohl der regierende Landeshauptmann Hans Niessl (S) Modell gestanden.
Wagner, mit seinen Texten, Inszenierungen und Aktionen seit vielen
Jahren ein giftiger Stachel im Fleisch der burgenländischen
Polit- und Kulturszene, versucht mit "Die Burgenbürger"
eine Wiederbelebung des alten, längst von der modernen Medienwelt
überholten Volksbuch-Gedankens und kreuzt diesen mit zeitgenössischer
Polit-Satire. Onkel Fred klettert mit Pinz Joe, der eines Tages
an dessen Haustür in Neufeld klopft und sich das "r"
in seinem Namen erst verdienen muss, um nächster Landeslenker
zu werden, in das große Bubülabu, das geheime Burgenbürgerlandbuch,
in dem alle Mythen, Sagen und Märchen der langen und wechselvollen
Geschichte des Landstriches verzeichnet sind.
In insgesamt 21 Märchen versucht sich Wagner an der "ultimativ
märchenhaften, märchenhaft ultimativen Geschichtsschreibung
eines weithin unerforschten Menschenvolks", und so begegnen
Onkel Fred und Pinz Joe in der Folge alten Römern ebenso wie
anstürmenden Türken, Maria Theresia wie der Blutgräfin
von Lockenhaus, den Komponisten Joseph Haydn und Franz Liszt, aber
auch jeder Menge Feen und Kentauren, Hexen und Geistern. Begleitet
wird die turbulente Zeitreise von rund 200 aquarellierten und gezeichneten
Illustrationen von Henryk Mossler, die immer wieder deutliche Anleihen
an die Bilder- und Schreckenswelten von Hieronymus Bosch, Alfred
Kubin oder Oskar Laske nehmen.
Peter Wagner hat mit seinem ungewöhnlichen Buch etwas gewagt.
"Die Burgenbürger" bieten auf über 500 Seiten
nicht nur eine grellbunte Mischung aus Geschichten und Geschichte,
Unterhaltung und Belehrung, Sage und Satire, sondern auch viel Stoff
für Diskussionen, ob diese Wagnis aufgegangen ist. Am besten
im Rahmen verpflichtender Schullektüre junger Burgenbürger.
(S E R V I C E - Peter Wagner: "Die Burgenbürger",
Illustrationen von Henryk Mossler, Edition Marlit im Hora Verlag,
568 S., 34,10 Euro, ISBN 3-213-00087-6, http://www.peterwagner.at)
(Schluss) whl/ley
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Nachwuchs für "Die Burgenbürger": folgende
zwei Videos sind ab sofort über YouTube abzurufen. Bitte die
Fotos anklicken!
Weiter unten finden Sie, neben einem Offenen Brief an den Landeshauptmann
von Burgenland, sämtliche bisher erschienenen Rezensionstexte
zu "Die Burgenbürger".


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Der folgende Rezensionstext von Clemens Berger zu "Die Burgenbürger",
Romansatire von Peter Wagner, ist am 9. Jänner 2010 im Spectrum
der Tageszeitung "Die Presse" unter dem Titel "Zehen
mit Salz bestreuen" erschienen. Er wird hier in der von Clemens
Berger abgegebenen Originalversion wiedergegeben.
Der gedruckte Artikel siehe Rezension
Burgenbürger in "Die Presse"
Tragödie der Eitelkeit, Komödie
der Vergeblichkeit
Bekanntlich ist die Frage, ob etwas eine Komödie oder eine
Tragödie sei, nicht immer eindeutig zu entscheiden. Die Schwierigkeit,
in der Tragödie nicht die Komödie und in dieser nicht
jene zu sehen, ist zumal in jenem schmalen Streifen Welt, das seit
beinahe neunzig Jahren auf den Namen Burgenland hört, oft aufs
Äußerste zugespitzt. Man muss bloß gelegentlich
die Tagesnachrichten des Landesrundfunks im Internet überfliegen,
um sich mit einem weinenden und einem lachenden Auge zu sagen, dass
es dergleichen nur im Burgenland geben könne – die Geschichten
ebenso wie die Benachrichtigungen darüber.
Peter Wagner, dessen Theaterstücke und Hörspiele die Grenzen
dieses schmalen Streifens Land oft überschritten haben, lebt
seit fünfundfünfzig Jahren dort, wo er geboren wurde und
seine Welt vor Augen und Ohren hat. Und weil er dort, wo er lebt,
nicht nur sein will, sondern als der sein will, der er ist und geworden
ist, hat ihm das über die Jahre viel Feindschaft eingetragen
– nicht nur von den rechten und braunen Kulturkämpfern.
Der Erzählband Aktion am Drulitschweg, mit dem er 1981 debütierte,
sollte lange die einzige Prosa des notorischen Störenfrieds
bleiben, der sich fortan ans Theater und Hörspiel, an die Regie,
den Film und die Musik hielt.
Beinahe drei Jahrzehnte später liegt ein dickes Buch mit einundzwanzig
sogenannten Märchen vor, in dem Wagner seine beiden Helden
Onkel Fred und Pinz Joe, die alles andere als Helden sind, ins Große
Buch der Burgenbürger, ins Bubülabu, einsteigen lässt.
Pinz Joe war schon Volksschuldirektor, Bürgermeister, Obmann
des Roten Fahnenschwingerclubs, nun will er tatsächlich etwas
werden – der Prinz der Burgenbürger! Dazu fehlt ihm allerdings
das Entscheidende: ein R, das R, die Farbe des Landes und des Weins,
die ihm in Gesicht wie Herzen fehlt. Onkel Fred, alt, gebrechlich,
neugierig und ziemlich weise, nachdenklich, melancholisch und dann
wieder jugendlich schelmisch, soll ihm dabei helfen. Gemeinsam mit
dem Kater Bruno steigen die beiden in das riesige Buch und gelangen
ähnlich wie Alice, die durch einen Spiegel schreitet, in ein
anderes Land – ins Burgenbürgerland, das mitunter auch
ein Wunderland ist, im Guten wie im Schlechten.
Gewiss kann man die Geschichte als Abrechnung mit der verlotterten
Sozialdemokratie lesen, als Hohn über die Technokraten und
Karrieristen, die sich dem Kapitalismus nicht nur ergeben, sondern
ohne Wenn und Aber verschrieben haben. Man kann auch eine gewisse
Wehmut über den Verlust, vielleicht gar eine Verklärung
vergangener Proponenten dieser Partei finden, denen Antifaschismus
und soziale Gerechtigkeit nicht bloß Floskeln für Sonntags-
und Wahlkampfreden waren. All das ließe sich aber anders und
kürzer sagen; vor allem verfehlte es den Kern dieser wundersamen
Reise, in der uns nicht nur Haydn, Liszt oder der Heilige Martin
begegnen.
Es sind Phänotypen, die Wagner durch die Geschichte stolpern
und torkeln lässt, mit vollen Bäuchen und leuchtenden
Nasen, in jeder Zeit im falschen Kostüm, stets verdächtig,
oft verlacht, bisweilen bestaunt, von der Steinzeit übers Mittelalter,
vom Marsch der Türken auf Wien über den Ausbruch nationalistischer
Gefühle bis zum Ende des ersten Weltkriegs. Da ist einer, der
nichts spürt, nichts sieht, nichts hört, der mit den Verhältnissen
immer einverstanden ist, die Teilungen in Oben und Unten gutheißt,
solange er nur zum Oben gehören könnte, zu denen, die
etwas zu sagen, repräsentieren oder entscheiden haben; und
wenn er aufmuckt, tut er es in sich. Und dann ist da einer, der
läppisch und tollpatschig wirkt, schon weil seine Nase so groß
ist, den die Wut über unhaltbare Zustände überkommt,
der stets einen Schritt zurücktreten will, um zu überlegen,
während er doch am liebsten mitmischen würde, um für
andere Verhältnisse zu kämpfen.
Allein, sie befinden sich in der Geschichte. Zwar wird die immer
neu und anders und den jeweiligen Anforderungen der Zeit entsprechend
geschrieben, bloß die Tatsachen und deren Wirkungen lassen
sich nicht ungeschehen machen. Obwohl Pinz Joe den Kreisverkehr
oder die Dampflokomotive avant la lettre erfindet (eigentlich ist
es Seelchen, die Dritte im Bunde, die Unerlöste, die über
die Zeiten hinweg stets in anderer Gestalt auftritt, um schließlich
in der Vereinigung Pinz Joe mit ihrem Blut das fehlende R zu geben),
obwohl Onkel Fred den Gruß Freundschaft in die Welt bringt,
bleibt es immer beim Beinahe. Wo der eine gern eingreifen, um den
Verlauf der schlechten Geschichte zu ändern, und der andere
am liebsten glänzen würde, bleiben sie Reisende, Zaungäste,
die höchstens mitspielen dürfen, jedoch nichts bewerkstelligen
können, selbst wenn Joe anscheinend Riesenschlachten verhindert.
Nur am Ende, das mit einem Doppelpunkt schließt, besteht die
Möglichkeit, dass Onkel Fred, indem er absichtlich beim Kartenspiel
verlöre, die Geschichte ab 1921 radikal veränderte, den
Nationalsozialismus abwehrte, die Shoah, Hiroshima und den sogenannt
real existierenden Sozialismus gleich dazu. Dafür müsste
er allerdings den Worten eines ungarischen Weißgardisten und
Antisemiten vertrauen, der ihn kurz davor noch auf eine Bank gefesselt
und die Zehen mit Salz bestreut hat, um eine Ziege daran lecken
zu lassen, was Fred und das Publikum fürchterlich lachen ließ.
All das ist äußerst witzig und in grellen Bildern erzählt,
in die bisweilen ein Blitz fährt, der für einen Moment
so etwas wie Wahrheit durchscheinen lässt. Da ist etwa Toni,
ein armer Kerl in schlimmen Zeiten, dem auf einer Bühne vor
versammelter Menge zuerst von einem katholischen, dann einem protestantischen
Geistlichen und schließlich vom Fürsten die letzten Groschen
aus der zerlumpten Jacke gezogen werden; allerdings wird er von
Gauklern zum Narren gehalten, die in Kostüme schlüpfen,
um sich an der Dummheit und Vergnügungssucht der Menschen gütlich
zu tun. Am Ende darf Toni durch einen Spiegel treten und zum Pudel
werden, der ein besseres Leben hat als ein Tölpel auf armem
Land. Fortan streunt er mit Fred und Joe, Seelchen und dem Kater
Bruno durch die Zeiten und pinkelt immer wieder an feine Beine.
Im Parforceritt durch die Zeiten (und während des Flugs mit
der Gans Erika) destilliert sich vielleicht das heraus, weswegen
Pinz Joe die Reise auch angetreten hat: die Identität der Burgenbürger,
eine Nicht-Identität. Sie will er ergründen, um diese
dereinst besser regieren zu können. Es ist ein kleines Land,
durch das die Römer ziehen, die Heere der Hunnen und Germanen,
Awaren und Magyaren, Türken und Habsburger. Da leben Deutsche
und Ungarn, Kroaten, Roma und Juden – aber alle sind doch
immer auch und in erster Linie Burgenbürger, Grenzgestalten,
wenig eindeutig, alles andere als identisch. Vereint werden sie
von der Melancholie der Ebene, vom Ausbruch im Rausch, vom Gefühl,
sich in einem Moment für einen Weltmeister zu halten und im
nächsten schon wieder den Kopf einziehen zu müssen, wie
es der Vater und die Mutter und deren Väter und Mütter
getan hatten. Fred und Joe entdecken den Schwellenmenschen, Homo
suellensis Pannoniae, Nachfolger auch jener Grenzwächter aus
dem Märchen, die zwei Gesichter besitzen, wobei das eine nach
Osten, das andere nach Westen schaut –und spuckt. Onkel Fred
erkennt in all dem die Vergeblichkeit menschlichen Tuns, an das
er doch glaubt. „Und Fred sagte, betrachtest du es von Osten,
ist es der Saum der Alpen. Siehst du es von Westen, ist es der Tellerrand
der großen Ebene. Oben und unten je eine Pforte, die Donau
im Norden, die Raab da unten im Süden. Alles dazwischen ist
barer Übergang, von einem ins andere, vom anderen ins eine.
Das ist die Zwischenwelt schlechthin.“
Am Stärksten ist Wagner, wo er das Phänotypische grotesk
überspitzt. Sieben Burgen müssen passiert werden, um zum
Tyrannen Henz vorzudringen. Er thront auf einem rollbaren Podest,
unendlich groß und wahnsinnig gefräßig; was immer
ihm das Volk darbringt, von Kutschen über Weinfässer bis
zu den Kindern, er verschlingt alles mit einem Biss. Da sind die
Kroaten, die Krowoden, die einen vom Süden in den Norden langgestreckten
Hof bewohnen, wobei jeder Hof sich vom anderen unterscheidet und
abgrenzt. Manche von ihnen sind Wurzelstecher: mit den ausgegrabenen
Wurzeln reisen sie in die Städte, um sie in Geld umzusetzen.
Andere bauen in ihrer Assimilationswut die „deitsche Schanze“,
über die ihre Kinder müssen, um eine Chance im Leben zu
haben, während sie sich mit riesigen Bürsten den Akzent
von der Zunge zu schrubben versuchen. In ein monumentales Magistrat
zur Magyarisierung tritt man mit deutschem Namen, mit einem Stempel
auf dem Hals und ungarischem Namen verlässt man es wieder.
In all dem Aberwitz, in all den bunten Szenen spürt man immer
auch, wem die Anteilnahme des Autors gilt, die durch Onkel Freds
Blick ins Burgenbürgerland kommt – den Subalternen, den
sogenannten kleinen Leuten, die nicht nur klein sind, weil es die
Großen so wollen, sondern auch weil sie akzeptieren, klein
zu sein, es nicht anders wollen, bisweilen sogar wünschen.
Der ungarische Béres, der Knecht par excellence, spricht
unumwunden aus, dass zuviel Freiheit, ja Freiheit überhaupt
den Menschen nicht gut bekomme. Das ist die Szene, in der Onkel
Fred zum ersten und einzigen Mal weint. Sein Erfinder erzählt
das merkwürdige Märchen des Landes von unten, anhand derer,
die in eine Geschichte geworfen sind, die gnadenlos über sie
hinwegzieht.
Henryk Mossler, ein aus Polen stammender Maler, den es vor langem
ins, ja, Burgenbürgerland verschlagen hat, steuert zweihundert
Aquarelle und Zeichnungen zur Geschichte der Grenzmenschen bei.
Mossler illustriert die Geschichte nicht, er erzählt sie in
der ihm eigenen Bildsprache noch einmal: bunt und derb, phantastisch
surreal und überrealistisch, tiefkomisch und himmelschreiend
verzweifelt. Hexen und Priester, Stimmfänger und Gott Pan,
Tiere und Fabelwesen künden in ihrem Wahn, ihrer Geilheit,
ihrem Zwinkern und Saufen, im Nasedrehen und Beinstellen von der
Komödie der Vergeblichkeit und der Tragödie der Eitelkeit.
Nachdem er den Verfolgern nicht mehr entkommen konnte, lugt Onkel
Fred als Purbacher Türke aus einem Schornstein. In dem verklärten,
staunenden Blick, mit der roten Nase, die von den Stunden zuvor
im Weinkeller erzählt, fängt Mossler jenes seltsame Glück
im Augenblick ein, der bestimmt vergeht. Von unten kommt schon das
Feuer, bloß der Blick in die Weite ist so schön.
Peter Wagner: Die Burgenbürger. Die ultimativ märchenhafte,
märchenhaft ultimative Geschichtsschreibung eines weithin unerforschten
Menschenvolks. Mit Illustrationen von Henryk Mossler. 560 Seiten,
€34,10, Edition Marlit/Hora Verlag
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Offener Brief an den Landeshauptmann von
Burgenland
Vollständiger Wortlaut:
Sehr geehrter, wahlkämpfender Herr Landeshauptmann,
ich muss Dich leider mit einer Passage aus meinem Buch „Die
Burgenbürger“ belästigen, in dem ich Dir immerhin
die Ehre gegeben habe, als Pinz Joe neben Onkel Fred die zweite
Hauptfigur zu sein. Während Fred Sinowatz, der ewig Verkannte,
in unseren Herzen aber längst Etablierte, die letzte Figur
der burgenländischen Sozialdemokratie war, die Herausforderungen
angenommen hat aus dem Geist ihrer selten korrumpierbaren, sozialen
und humanistischen Idee heraus, fühle ich mich von Deinem nun
eingeschlagenen Weg des Populismus nur angewidert! Fekters Demokratieverständnis
ist eine Katastrophe, klar, aber dass auch Du nun die politische,
intellektuelle und menschliche Katastrophe in deinem Hirn und dem
Deiner Partei etablierst, dass Du bewusst einen Weg einschlägst,
der sich von den Blauen rhetorisch schon nicht mehr unterscheidet,
ist schlichtweg blamabel!
Die Geschichte spielt in der zweiten Hälfte des neunzehnten
Jahrhunderts im Steinbruch von St. Margarethen, Pinz Joe und Onkel
Fred sind als Zeitreisende unterwegs:
Auf der Baustelle herrschte ein Wirrwarr an Stimmen und Sprachen.
Fred schnappte Brocken von Tschechisch, Slowakisch, Ukrainisch,
Rumänisch, Ungarisch, Serbisch, Kroatisch, Slowenisch, Italienisch
und sogar Türkisch auf. Lediglich die Herren Architekten und
Spezialisten bedienten sich der deutschen Sprache. Sieht nach einem
frühen Beispiel für Arbeitsmigration aus, sagte Fred,
schau dir diese Leute an, das ist ja entsetzlich!
Man stieß auf einen Arbeiter, dem ein heruntergefallener Steinblock
den Kopf so tief in den Kragen gedrückt hatte, dass er im Inneren
seines Brustkorbes verschwunden war. Seine Zigarette hing noch dort
in der Luft, wo sie sich vor dem Unfall befunden hatte. Dennoch
schichtete er unbeirrt Block auf Block in den frischen Mörtel
und schien auch weiterhin genüsslich an seiner Zigarette zu
ziehen. Einem anderen fehlten beide Unterarme, also hielt er mit
den Füßen Hammer und Stemmeisen. Dabei erging er sich
in ausladender Sehnsucht und pfiff eine Weise aus der fernen Bukowina.
Ein Dritter war an dem feinen Staub des Sandsteines erblindet. Das
stellte insofern kein Handicap dar, als er den Weg, auf dem er die
schweren Sandsteinblöcke vom Sandbruch zur Baustelle schleppte,
ohnedies auswendig kannte. Einem Vierten hatte es bei einer Sprengung
sämtliche Gliedmaßen weggerissen. Jetzt war von ihm nur
noch der Torso mit einem halben Kopf da. Er gab mit kontratenoraler
Stimme den Takt für jene vor, die an den Seilen standen und
die Sandsteinblöcke in schwindelerregende Höhen hievten.
An jenen Stellen arbeiteten und zogen im Übrigen jene Arbeiter,
die in Ausübung ihrer Profession der Beine verlustig geworden
waren.
Ich werde bei der Bauaufsicht Beschwerde einlegen, sagte Fred schnoddrig,
das ist ja schlimmer als in den Kohlegruben der Manchesterkapitalisten!
–Was willst du dich beschweren, Onkel Fred!, sagte Pinz Joe,
dem diese geschundenen Kreaturen ja immerhin auch leidtaten, willst
du denn wirklich auch noch ein zweites blaues Auge? Ja, und Arbeitsplätze
nehmen sie uns auch weg, ob geschunden oder nicht, dachte er dann,
ich bin halt, was solls, für einen ordentlichen Sozialnationalismus!
Er war sich aber nicht sicher, ob er das laut sagen sollte, er war
sich bei Onkel Fred überhaupt nicht mehr sicher. Diese Anachronisten
der sozialen Idee, dachte er, diese allzu beseelten Kümmerer,
diese rührigen Direktempfinder, diese Menschheitsretter gar,
die sind überhaupt irgendwie unberechenbar, mögen sie
hundertmal Bundeskanzler und Parteivorsitzende gewesen sein, Rührseligkeiten
in der Politik sind ein alter Hut; wahrscheinlich ist er ja auch
deshalb nur drei Jahre Bundeskanzler gewesen!
Gewiss, das ist „nur“ Literatur – und ein Arbeitsmigrant
ist noch kein Asylsuchender. Dennoch geht es in beiden Fällen
um Haltungen, die entweder mit einem konstruktiv-solidarischen,
deshalb ja nicht unkritischen Geist etwas zu tun haben – oder
mit dem Schüren einer Gesinnungsbarbarei, von der wir glaubten,
sie gehöre eigentlich der Vergangenheit an.
Aber vielleicht überlegst du es Dir ja, werter Landeshauptmann
von Burgenland, und besinnst Dich auf jene Werte, mit denen Du als
angeblicher Sozialdemokrat eigentlich aufgewachsen sein solltest!
Ich übersehe nicht, dass im noch rechteren Gefilde der Parteienlandschaft
die politische Kultur um nichts weniger katastrophal ist. Dennoch,
Herr Landeshauptmann, bist Du in erster Linie verantwortlich für
das geistige Klima in Deinem Land und die Achtung gewisser Standards,
zu denen nun einmal Kleinigkeiten wie die Genfer Konvention, die
Menschenrechte und das Recht auf Asyl verfolgter Menschen gehören.
Mit besten Grüßen
Peter Wagner
Litzelsdorf, am 5. Jänner 2010
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Hinten v.l.n.r.: Vlado Blum - Rainer Paul - Eveline Rabold
Vorne v.l.n.r.: Peter Wagner, Henryk Mossler
Ganz hinten: Henz, Urvater der Burgenbürger
Vollständiger
Pressetext der Edition Marlit
zu Peter Wagners "Die Burgenbürger" - hier klicken!
Der alte Onkel und sein Pinz
Peter Wagner hat ein grotesk delikates Buch geschrieben,
das dem Märchen zurückgibt, was des Märchens ist:
die schlichte Wahrheit.
Die Sache mit der Identität ist eine ziemlich heikle Angelegenheit.
Zwar tut man gerne so, als gäbe es tatsächlich sowas wie
eine Einheit mit sich selbst. Beim näheren Hinschauen entpuppt
sich die dann aber bald als eine etwas monströse Groteske,
die kaum mehr ist als ein Sammelsurium launiger Aberwitzigkeiten,
die gerade dann ein wenig ins Obszöne lappen, wenn die gewichtigsten
Angelegenheiten zur Sprache kommen.
So gesehen, hat das neue Buch von Peter Wagner eine zwingende innere
Logik, die sich davon nährt, dass ein gewisser Pinz Joe - das
R muss er sich erst verdienen - einen gewissen "Herrn Doktor
Onkel Fred" aufsucht, damit der ihm beibringt, "was Wesen
und Identität der Burgenbürger angeht" . Mehr hat
er nicht gebraucht, der Pinz Joe, der sich anschickt, der nächste
Fürst des Burgenbürgerlandes zu werden. Der Herr Doktor
Onkel Fred nimmt den kleinen Joe mit auf eine Tour d'horizon durchs
große, heilige Burgenbürgerbuch. Und ab geht die Post,
quer durch die Zeitläufte, an deren Ende dann das mit sich
selbst identische Burgenbürgerland steht oder stehen sollte.
"Märchen" nennt Peter Wagner die 21 Abenteuer, welche
die beiden unschwer zu identifizierenden Protagonisten zu bestehen
haben. Aber man würde dem Buch schwer unrecht tun, es als Schelmenporträt
des vom verstorbenen Altkanzler Sinowatz an der Hand genommenen
Hans Niessl missverstehen zu wollen.
Den Grimmelshausen machen
Wagner macht dem burgenländischen Landeshauptmann mit diesem
Buch sozusagen den Grimmelshausen. Als Simplicius Simplicissimus
stolpert er durch die Geschichte des Burgenbürgerlandes, das
bevölkert ist von grotesken Rabelais'schen Gestalten - vom
käuflichen Gott Pan über den Riesen Henz bis hin zu jenem
Esterházyfürsten, in den sich der irrlichternde Pinz
Joe unerklärlicherweise verwandelt, worauf ihm die Verheiratung
mit der hässlichsten Tochter der Maria Theresia droht, dem
stinkerten Liserl.
Eine Romansatire nennt sich das Buch. Aber das greift auch ein wenig
kurz, denn in den starken Momenten wächst die Geschichte weit
über die Vorlage zu etwas Eigenem.
"Ein Volksbuch" , sagt Wagner, habe er schreiben wollen,
ein Buch, das auch dem zur Unterhaltung dient, der wenig Augenmerk
legt auf die Querverweise und die Anspielungen, die hämische
Kritik und die süffisante Bloßstellung des modernen sozialdemokratischen
Leerlaufs.
Das alles sind die Burgenbürger auch, aber eben nicht nur.
Denn der Erzählgestus ist eben der des klassischen Märchens
- dass sich da einer ein Achterl vom Eisenberg einschenkt, einen
tiefen Schluck nimmt und zum Schwadronieren anfängt bis tief
hinein in die Nacht. Das allerdings ist hohe Kunst. Denn so einfach,
wie es hier hingeschrieben wird, ist es natürlich nicht. Es
bedarf einigen handwerklichen Geschicks, den fabulierenden Ton nicht
ins Plaudern ausfransen zu lassen, in dem dann die schönen
Burlesken zu bloßen Gags werden, die der mächtig geschwänzte
Operettendirektor über die Bühne sozusagen wunderbart.
"Die Satire" , sagt Wagner, "verlangt ungeheure Präzision."
Und umfassende historische Kenntnis natürlich auch, denn sonst
kann es passieren, dass einer wie Pinz Joe die längst schon
erfundene Dampflokomotive erfindet - ein Wortbild, das fast Markenqualität
hat, nicht nur fürs Burgenbürgerland.
Peter Wagners Buch ist im Hora-Verlag erschienen, einem Verlag,
der vor Jahrzehnten schon mit Jaroslav Seifert oder Slavoj Z¹iz¹ek
große Ambition gezeigt hat, zuletzt aber ein wenig eingeschlafen
ist. Ein etwas verwunschener Verlag also, der nun mit einer neuen
Reihe, der Edition Marlit, wachgeküsst werden soll.
Grundierende Aquarelle
Sollte Wagners Buch diesbezüglich etwas Programmatisches haben,
darf man gespannt sein. Die Burgenbürger sind nämlich
ein schönes, aufwändig gestaltetes Buch, zu dem Henryk
Mossler 200 Aquarelle beigetragen hat, die Wagners Erzählton
weniger illustrieren, sondern grundieren, und in denen man sich
da und dort auch richtiggehend verlieren kann.
Mosslers Bilder nutzt Peter Wagner - der ja nicht bloß ein
Schreiber, sondern auch ein Theatermann ist - ebenso zur Inszenierung
seiner Lesungen. Am vergangenen Donnerstag geriet die Präsentation
in der Osliper Cselley-Mühle zum theatralen Akt, in dem die
Bilder eine nicht minder wichtige Rolle spielten wie die feine Musik
jenes Ensembles, das sich sinnigerweise "Trio Burgenbürgerland"
nennt.
Wolfgang Weisgram, ALBUM - DER STANDARD/Printausgabe, 21./22.11.2009
Peter Wagner, "Die Burgenbürger. Die ultimativ märchenhafte,
märchenhaft ultimative Geschichtsschreibung eines weithin unerforschten
Menschenvolks" . € 34,10 / 560 Seiten. Edition Marlit
im Hora-Verlag, 2009.
Hinweis:
Am 29. November performt Peter Wagner ab 16 Uhr in der Roten Bar
des Volkstheaters.
Link:
www.edition-marlit.at
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„Wir Burgenbürger“
WAGNERS ODYSSEE / Opulent, frech und wortgewaltig startet
die Edition Marlit im Hora Verlag: Zum Auftakt serviert Peter Wagner
heimische Geschichte(n) als grenzenlose Romansatire.
Es war schon im Vorfeld viel zu hören davon. Gar, dass manche,
speziell in Polit-Kreisen, der Veröffentlichung mit Spannung
entgegengesehen hätten.
Als Peter Wagner dann kürzlich mit „Die Burgenbürger“
sein neues 570-Seiten-Werk präsentierte, stellte es sich als
das heraus, was es ist: ein gewichtiges Stück burgenländische
Literatur. Aber schon auch ein wildes.
Drei Jahre lang schrieb der südburgenländische Vielarbeiter,
„fordernde Denker“, Film- und Theatermensch an seinem
Werk, das in 21 Abenteuern nicht nur mit politischen Befindlichkeiten
liebäugelt, sondern mit Liebe zum (historischen) Detail eine
ganze Landesgeschichte zur Romansatire umschreibt.
Die neue Verlags-Edition mit Burgenland-Connection
Mit diesem „Epos“ startete die Edition Marlit nun ihr
Programm – als Verlag in Wien, mit burgenländischen Berührungspunkten.
Dazu haben sich mit Winfried Plattner, dem Leiter des Hora Verlages,
zwei zusammengetan, die hierzulande keine Unbekannten sind: Vera
Sebauer und Eveline Rabold.
Nach einem sauberen Start mit den „Burgenbürgern“
stehen die nächsten Veröffentlichungen bereits fest –
die erste Künstlermonographie des Duos „Machfeld“
und Andreas J. Obrechts Roman „Der doppelte Schritt“.
Buch-Kritik
Pinz Joe (ohne „r“, denn das muss er sich erst verdienen)
will Fürst des Burgenbürgerlandes werden und lässt
sich von Doktor Onkel Fred auf eine Reise durch die Geschichte dieses
„weithin unerforschten Menschenvolkes“ mitnehmen. Darum
geht es in Peter Wagners „Märchen“. Und dann geht´s
los: Die beiden Protagonisten – in den Illustrationen Henryk
Mosslers und auch sonst als amtierender Landeschef und legendäres
SPÖ-Urgestein unschwer auszumachen – ziehen durch die
Landesgeschichte: eine Odyssee, ein Volksbuch, Insider-Schmäh
auch für Nicht-Burgenbürger, historische Punktlandungen,
ein skurriles Drunter und Drüber – Wagners Buch ist all
das und noch mehr. Schwer und gut liegt es in der Hand und macht
viel Spaß.
Wolfgang Millendorfer, BVZ, 16. 12. 2009
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Siegmund Kleinl
Sein oder Design – das ist hier die
Antwort
Zu Peter Wagners Roman Die Burgenbürger
1
Sein oder Design – das ist in Peter Wagners Roman „Die
Burgenbürger“ anfanghaft die Frage.
Sinnlichkeit der nackten Existenz oder die Intelligenz des menschlichen
Entwurfs (Designs).
Erzählend und reflektierend wirft der Dichter den Homo suellensis
Pannoniae (den Menschen der pannonischen Schwelle) in den Gestalten
eines gewesenen (Fred) und wesenden (Pinz Joe) burgenländischen
Politikermenschen ins volkstümliche Dasein, zurück in
die Bilderhöhlen grauer Vorzeit bis herauf in die Höllenbilder
des beginnenden 20. Jahrhunderts.
So viel Geschichtszeit wird in 21 Geschichten vom Dichter eingefangen
und auf die Leser (innen) losgelassen.
Beseelt von Seelchen, einer an Engel und Madonnen erinnernde Märchenfigur,
bilden die zwei Repräsentier-Burgenbürger mit der seelischen
Begleiterin eine menschliche Trinität, die in Henryk Mosslers
Zeichnungen und Aquarellen einen bewegten Geschichtsreigen tanzt
nach der Weise eines weisen Buches, in das Fred und Pinz Joe hineinsteigen,
um in einem sturminspirierten Meer von Geschichten ordentlich ins
Schwimmen, Schwitzen und Schwatzen zu geraten.
2
Der Autor hat gründlich recherchiert, das in Geschichtsbüchern
gefundene Material verwandelt in poetisch erfundene Märchen,
beginnend in grauer Vergangenheit, heraufdämmernd aus der Zeit
der Römer, düster erhellt von Rittern und Hexen, Türken
und Gauklern, Hianzn und Zigeunern, Poltikern und Helden der Arbeit,
die allesamt sich als Ahnen der Burgenbürger erahnen lassen.
Durch die feinsinnigen und grobsinnlichen Textzeilen schillert nicht
nur das Volksbuch durch, auch eine klassische Menschheitsidee: Der
Mensch, der sich durch die Geschichte emanzipiert. Ist solcherart
Emanzipation ein Märchen?
Ist Peter Wagner dem Roman-Tick verfallen, das Erzählen bringe
die Welt hervor, ja schaffe sie neu?
3
Die Form des Märchens bedient sich des Dichters, der das Sagen
zuspitzt, bis sich das Erzählte aussagt. Moderne Literatur
will meist nur sagen, nichts aussagen. Peter Wagner ist das Sagen
allein zu wenig. Er arbeitet zwar intensiv mit und an der Sprache,
seziert sie aber nicht, er belebt sie mit dem Atem des Volksmunds.
Das Sezieren der Sprache ist die Marotte derer, die, da sie nichts
auszusagen haben, sich aufs Sagen beschränken, sagt der anarchistische
Denker Cioran.
Ist der Märchen-Erzähler Peter Wagner ein Anarchist?
Ja. Er nutzt die Gesetze des Märchens, um mit ihnen zu brechen.
Ist einer, der über die herrschenden literarischen Gesetze
lose, locker hinweggeht.
Was auf den ersten Leserblick traditionell daherkommt, ist bei genauer
Lektüre der Mut des Autors, dem Leser Unterhaltung auf anspruchsvollem
formalen und sprachlichen Niveau zuzumuten. Will man den Roman einer
literarischen Gattung zuordnen, sperrt er sich nicht dagegen, offenbart
sich vielmehr als formenübergreifender, die ihm zugeordnete
Gattung integrierender Erzählkörper. Eine dieser vielfältigen
Formen ist die Satire. Sie wirkt umso treffender, je hochgradiger
ihre Literarizität ist.
4
Wagners Roman ist ein opulentes Erzählwerk in zwanzig und einem
Märchen, entfernt an Tausend und eine Nacht erinnernd, orientalisch
üppig in der Phantasie, Märchen mehr im ursprünglichen
Wortsinn von „maere“, wie es im um 1200 verfassten Nibelungenlied
gebraucht wird: uns ist in alten maeren, wunders viel geseit / von
heldene lobebaeren, von harter arebeit / von fröiden, hochgeziten,
von weinen und von klagen / von küener recken striten…
liest man in der ersten Strophe des Heldenepos. Klingen da nicht
Wagners kühne Recken Fred und Pinz Joe ouvertürenartig
an? Es ist harte arebeit, wenn Fred, dem der Kater Bruno ständig
im Nacken sitzt, seinen Schüler sozial und demokratisch machen
will. Da hat Pinz Joe manchmal mit Fred sein Gfrett. Gemeinsam ist
ihnen oft zum weinen, klagen sie über Zu- und Missstände,
erleben aber auf ihren historischen Abenteuern auch die Freuden
von Festen, die ihnen nicht immer ganz gut bekommen. Typisch burgenbürgisch
müssen sie jegliches Essen, zu dem sie eingeladen sind, bis
zum Fressen gern haben, das Trinken übel in sich hineinsaufen,
überstehen aber, zur Beruhigung des Wählervolkes, alles.
Helden eben. Im Sinne Wagners, Peter nicht Richard.
Von alldem und mehr erzählen die 21 maeren, fiktive Berichte,
die Kunde geben von den landläufigen Sitten, Bräuchen,
Taten und Tätlichkeiten der erahnten Burgenbürger. Märchen,
die in Sagen hinüberoszillieren, also aus der Zeitlosigkeit
von Gut und Böse in eine sagenhafte Zeit von gutem Bösen
und bösem Guten.
Satt ist der Burgenbürger nicht immer gewesen, aber tierisch
wird er ebenso weiter sein wie menschlich, satttierisch eben.
5
Vom Märchen über die Sage changiert Wagners Roman ins
Pikaresk-Satirische, scheint inspiriert zu sein von den Anfängen
des europäischen Romans.
An den Anfängen stehen Rabelais` „Gargantua und Pantagruel“
(erschienen1532- 1564)und Cervantes` Don Quijote (erschienen 1605-1615)
mit seinem Diener Sancho Pansa. Erinnern Fred und Pinz Joe nicht
an diese literarischen Heiligen idealistischer bzw. pragmatischer
Einfalt? Wenngleich Fred seiner äußeren Statur nach eher
an Sancho Pansa, der schlankere Pinz Joe mehr an Don Quijote denken
lässt, ist es hinsichtlich der Charaktere gerade umgekehrt.
Fred markiert den Idealisten, den Tagträumer im Sinne Ernst
Blochs, der an die Veränderung der gesellschaftlichen Verhältnisse
glaubt, Prinz Joe den Pragmatiker, für den opportunes Denken
ganz oben in der Werteskala rangiert, so gesehen Sancho Pansa nicht
unähnlich.
Während jedoch Don Quijote aus den Ritterbüchern, die
er liest und deren Inhalt er ähnlich den Computerspielefreaks
von heute mit der Realität gleichsetzt, herausgeht, gehen Fred
und Joe in das große, geheime Geschichtsbuch hinein, von dem
im ersten Märchen des Romans die Rede ist, um sich durch das
Kennenlernen der Vergangenheit der Burgenbürger von den leibhaftig
erfahrenen Herrschaftsstrukturen zu emanzipieren. Zum Beispiel von
der Gestalt des maßlos gefräßigen Riesen Henz und
dessen Sohn aus der Gegend um Güssing, den Vorfahren der Hianzn.
Beide erinnern an Pantagruel und seinen Sohn Gargantua, auch sie
Riesen und gefräßig, wenngleich weit nicht so imperialistisch
gierig und brutal wie die Antihelden in Wagners Roman. (Der Riese
Henz ist auf dem Titelbild des Buches dargestellt).
Bei Rabelais tritt die Handlung zugunsten einer sprühenden
Sprachphantasie stark in den Hintergrund, bei Peter Wagner gewinnen
die Geschichten durch eine phantasievolle, bildhafte Sprache eine
raumgreifende Plastizität mit atmosphärisch dichtem Lokalkolorit.
Wagners Sprache gemahnt im Grundriss ihrer Syntax mit ihren häufig
weit gespannten Satzbögen, ihrer volksnahen Sinnlichkeit, ihrer
Detailfreude und ausladenden Metaphorik an den Stil des Barock,
etwa an Grimmelshausens Simplicius Simplicissimus. Dieser Roman
mit dem Dreißigjährigen Krieg als Hintergrund ist eine
deutschsprachige Form des Schelmenromans, in dessen Mittelpunkt
die Lebensgeschichte eines Mannes steht, der alle
Dimensionen der menschlichen Existenz durchlebt. Simplicius, ein
Junge scheinbar einfacher Herkunft und einfältigen Geistes,
der sich aber im Laufe seines Lebens gewaltig entwickelt, könnte
in Wagners Buch eine Entsprechung in Fred finden, Pinz Joe bliebe
die Rolle des Simplicissimus.
6
Vergleicht man Wagners Roman mit konventionellen Romanen neuerer
Zeit, also des
19./20. Jahrhunderts, lassen sich über die Gemeinsamkeiten
hinaus auch wesentliche Unterschiede herausarbeiten. Es wäre
demnach voreilig zu behaupten, dass Wagners Roman sich formal in
nichts von der überwiegenden Zahl seiner Gattung unterscheide.
Der herkömmliche Roman macht kein Theater mit der Realität.
Dazu ist er zu realistisch, zu sehr auf Mimesis, Nachahmung der
Wirklichkeit, bedacht. Er ist weiters gekennzeichnet durch eine
chronologische Abfolge des Erzählten.
Auch Wagner erzählt in seinem Roman die Ereignisse chronologisch,
gestaltet sie aber dramaturgisch wirksam aus zu Szenen einer Weltgeschichte
im Kleinen.
Den traditionellen Roman prägt das kausale Gefüge von
Wirkung und Ursache.
Solchem Gefügtsein fügt sich das Geschehen in den Burgenbürgern
nicht.
Im typisch realistischen Roman werden die Charaktere aus dem Kontext
ihrer psychologischen und sozialen Bedingungen heraus entwickelt.
Die Burgenbürger, verkörpert in Fred und Pinz Joe, sind
Charaktere, die bleiben, wie sie sind.
Der traditionelle Romancier erzählt meist aus der zentralen,
der auktorialen Perspektive.
Peter Wagner auch, lässt aber seine Figuren entscheidend miterzählen,
wechselt dabei von der zentralen in die personale Perspektive.
Konventionell wird durch Erzählen Spannung aufgebaut.
In den Burgenbürgern erwächst die Spannung aus der erzählten
Rede und den Dialogen, die vor allem eine innere Dramatik erzeugen.
7
Die 21 Abschnitte des Romans sind zwar durch Protagonisten, Leitmotive
und formale Strukturen miteinander verbunden, haben aber nicht den
großen Spannungsbogen einer durchgehenden Handlung. Die einzelnen
Kapitel stehen inhaltlich weitgehend für sich, sind aber strukturell
einander ähnlich.
Die Beschreibung von Form und Sprache eines Kapitels kann daher
exemplarisch für alle anderen stehen.
Wie jedes der 21 Märchen des Romans beginnt auch das erste
mit einer knappen Inhaltsangabe:
Wie der von Fürst Karl geschickte Junge bei Altkanzler Fred
auftaucht; wie er erfährt, dass das Wissen der Menschheit ein
Tier ist; wie er sich über die Büchergewächse des
alten Mannes aufklären lässt und dann einen mutigen Schritt
mit ihm tut.
Inhaltsangaben in ähnlicher Form finden sich auch in barocken
Romanen, in den Volksbüchern von Till Eulenspiegel und den
Schildbürgern, in Sebastian Brants Moralsatire Das Narrenschiff
(1494) sowie im epischen Theater Bert Brechts.
8
Die Romanhandlung setzt ein mit dem Erscheinen Pinz Joes bei Altbundeskanzler
Fred, der in einem stinknormalen Haus wie jedes andere stinknormale
Haus in der Gasse wohnt.
Die Wiederholung von Wörtern wie hier des Adjektivs stinknormal
ist kein Zufall oder Einzelfall im ganzen Roman. Die Stilfigur der
Wiederholung wird immer wieder bewusst eingesetzt, um das Einzelne
ins Allgemeine, das Individuelle ins Kollektiv zu integrieren.
Das ist im Kern eine politische Aussage, die nicht inhaltlich vermittelt
wird, sondern über die sprachliche Formgebung. Es geht, und
das wird an diesem sprachlichen Detail bereits deutlich, nicht um
einen historischen Roman, sondern um eine Erfassung und Durchdringung
geschichtlicher Tatbestände mit literarischen Mitteln (wie
Wiederholung, Fiktion, Phantasie, Sprachspiel, Vergleiche, Metaphern,
Personifikation, Allegorien usw.).
Ein Beispiel für eine Allegorie bzw. Personifikation ist die
Erzählung Pinz Joes von seiner Großmutter, der Roten
Resi, die ein Motorrad mit dem Kennzeichen BB-Sozi 1 fährt.
Was mit dieser allegorischen Figur oder Personifikation gemeint
ist, muss nicht erklärt werden.
Das fehlende R in Pinz Joe ist eine auf den (abhanden gekommenen)
Buchstaben gebrachte Charakteristik dessen, was Joe tatsächlich
fehlt. Ohne R bleibt von der politischen Symbolfarbe Rot nur „ot“,
also nichts, was Sinn machen würde. Rot ist, wie im Märchen
1 und in der Folge einige Male wiederholt, die Farbe aller Farben.
Literatur in ihrer dichtesten Form gibt nicht wieder, was gedacht
wird, sondern stellt es an der Sprache selbst dar.
9
Nachdem der auktoriale Erzähler in wenigen Sätzen geschildert
hat, wie Pinz Joe zu Fred kommt, beginnt ein langes Gespräch
zwischen beiden, das etwa 11 von 13 Seiten umfasst, unterbrochen
nur von der Beschreibung der Mimik und Gestik der Gesprächspartner,
die wie Regieanweisungen eines Theaterstückes anmuten.
Das Gespräch wird mit einem Aha – Erlebnis Freds eröffnet,
als er plötzlich Pinz Joe vor sich stehen sieht.
Fred spricht hochdeutsche Umgangssprache ohne grammatikalische Defekte,
ganze, verständliche Sätze, die häufig mit trockener
Ironie gewürzt sind. So droht er dem Gast mit zwei Dopplern
Weißen, falls der unlautere Absichten mit seinem Besuch verbinde.
Pinz Joe antwortet in der Form eines Anakoluths (Halbsatzes), an
anderen Textstellen elliptisch. Es fehlen Pinz Joe in seinen gedanklichen
Konstrukten also oft entweder das Subjekt oder die Satzaussage.
Die Redefigur des Anakoluth ist symptomatisch für einen jungen
unerfahrenen Hochstreber, der nicht recht weiß, worauf alles
hinaus will.
Pinz Joe unterbricht seine Sätze im Gespräch mit Fred
immer wieder, irritiert vom scharfen Blick und lächelnden Mund
seines Gegenübers. Fred hat das Gefühl, vor ihm sitze
ein unsicherer Schüler, und sieht sich rasch, ohne es zu wollen,
in der Rolle des Lehrers.
Wie pädagogisch unaufdringlich er seine Rolle wahrnimmt, zeigt
sich an einem gekonnten Wortspiel. Als Pinz Joe auf die Mistelgewächse,
die aus Freds Büchern hängen, aufmerksam wird, erklärt
dieser dem fragenden jungen Mann, dass es zwei Arten davon gebe,
die Optimisteln und die Pessimisteln. Er erörtert daraufhin
dem staunenden Schüler, was es mit diesen beiden begrifflichen
Wortneubildungen philosophisch und gesellschaftlich auf sich habe.
Dramaturgische Effekte werden nicht selten durch subtile Pointen
erzeugt, wie in der folgenden Reaktion des Jungen auf die Erklärungen
Freds:
Der Junge fühlte sich wie erschlagen von der geistigen, weit
mehr noch plastischen Klarheit dieses Mannes.
Die innere Dramatik wird weiter vorangetrieben durch geheimnisvolle
Dinge und Informationen:
Kennst du das Große Heilige Buch des Burgenbürgerlandes?
...
Die wenigsten kennen es. Und doch ist es von eminenter Bedeutung
für uns Burgenbürger. In ihm ist die Geschichte unserer
direkten, indirekten und gar nicht Vorfahren verzeichnet. Jedes
Volk, das etwas auf sich hält, hat solch ein heiliges Buch.
Bei uns im Burgenbürgerland ist es das sogenannte Bubülabu,
das Burgenbürgerlandbuch. Es ist ein Geheimbuch.
O, sagte Pinz Joe.
Der Spannungsbogen des Gesprächs geht schließlich an
seinem sprachlichen Zenit und Wendepunkt ins praktische Handeln
der beiden Protagonisten über. Sie steigen ins Buch ein, womit
ihre abenteuerliche Reise in die Vergangenheit unserer Region beginnt,
auf die der Dichter auch viele Leser mitnehmen will.
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Zitate Peter Wagner zum Buch:
„Mein erstes Augenmerk hat einer Art Volksbuch gegolten,
das auch lesen können soll, wer ‚nur’ mit einer
Unterhaltungserwartung an ein Buch herangeht.“
„Im Burgenbürgerland habe ich den überwiegenden
Teil meines Lebens verbracht, es ist mir so eng wie das Leben selbst,
also Korsett genug, um in ihm den erweiterten Ausblick auf ein Existieren
im Möglichen und - mehr noch - Unmöglichen zu finden.
Der Burgenbürger ist für mich kein speziell ausgeprägter
Charakter, er ist ein Zustand.“
„Burgenbürger zu sein ist für mich nicht nur Ehre
und Verpflichtung, sondern auch Last und Verdruss, speziell in den
letzten Jahren, da der Diskurs versiegt und sich das Land in die
Richtung einer geistigen Totenstarre bewegt, verborgen unter dem
Klimbim touristischer Spektakel und politischer Scheinaktivitäten
im brutalen parteipolitischen Aufteilungskampf. Im Schreiben an
diesem Buch ist mir das Gelächter wieder zurückgekehrt,
und also sehe ich diese Arbeit auch als den selbstverordneten Heilungsprozess
an meiner wunden burgenbürgischen Seele. Ich wünsche mir,
es mögen auch andere, weit über das Burgenbürgerland
hinaus, an der Satire genesen! Denn das Burgenbürgerland ist,
auch wenn man es mir nicht gleich glaubt, überall ...“
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Der ehemalige Bundesbürgerkanzler der Schlossrepublik Österreich,
Onkel Fred (hier mit seinem roten Kater Bruno),

und sein Zögling Pinz Joe, der Prinz ohne R, Aspirant auf
den Fürstenthron im Burgenbürgerland, steigen in das Große
Heilige Buch des Burgenbürgerlandes ein und begegnen dort u.a.
dem Hirtenvolk der Pannonier, die gerade ein ziemlich rauschiges
Fest für ihren Gott Pan vorbereiten.
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Stücke zu Ur- bzw. Erstaufführungen
frei
Sylverster
am Stefansplatz (1991/1999)
Uraufführung frei
Die Briefeschreiberin
(1994/1999)
Deutschsprachige Erstaufführung für 2008 geplant
Inland - ein bühnenpoem
(2003)
Bühnenuraufführung frei
Die Kardinälin
- Eine Ohnmacht (2005)
Uraufführung frei
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Roma
Da sich in den letzten Monaten die Anfragen häufen, hier zur
Recherche die Liste ausgewählter Aktionen, Reden, Kommentare,
Stücke, Lieder etc. zum Thema Roma auf dieser Website, vorranging
bezogen auf die Roma von Oberwart:
Purdi Pista
sagt, die Cymbal ist tot - Hörspiel (1974)
MUSIKFILE
"Waaßt du, wo Auschwitz liegt?" (1979
- Aufnahme 1988)
Aktion
Zigeunerdenkmal (1980)
Stevens Bass -
Erzählung (1982)
Österreich
hat viele Oberwarts - Kommentar (1995)
Rede an
Oberwart (1995)
Eine ganze
Vergangenheit ist detoniert (1995)
Postgebühr
Bar Bezahlt (1996)
Oberwart. Mon amour.
- Das Stück (1997)
Festvortrag
zur Eröffnung des neuen Offenen Hauses Oberwart
(1997)
Die
Schwarze Kaiserin / I kali tschasarkija - Theaterprojekt mit Roma-Mädchen (1998)
"Amen
dschijas - Wir leben!" - Roma / Wochen / Oberwart / 2005
(2005)
"Amen
dschijas - Wir leben!" - Roma / Wochen / Oberwart / 2005 -
Die offizielle Homepaqe
Filme über Roma:
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