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Peter Wagner:
Die Burgenbürger
Homo Suellensis Pannoniae
Die ultimativ märchenhafte, märchenhaft ultimative Geschichtsschreibung
eines weithin unerforschten Menschenvolks
Illustrationen: Henryk Mossler
560 Seiten / Hardcover / 150 x 215 mm /
ca. 200 Illustrationen in Farbe und SW, ISBN: 3-213-00087-6
Preis: EUR 34,10
Hora Verlag -Edition Marlit, www.edition-marlit.at
Soeben erschienen!
apa/KI 20100204_APA0059 4.2.2010 08:28:40
Literatur; Neuerscheinung; Rezension; Burgenland
Burgenländischer Volksbuch-Versuch:
Peter Wagners "Die Burgenbürger"
Der verstorbene Alt-Kanzler Fred Sinowatz steht im Mittelpunkt eines bunt illustrierten Romans, der Landesgeschichte, Märchen und Polit-Satire mischt (Von Wolfgang Huber-Lang/APA)
Wien (APA) - Dass er eines Tages als Romanheld wiedergeboren werden würde, hätte sich der 2008 verstorbene Fred Sinowatz wohl nicht träumen lassen. In "Die Burgenbürger", einem literarischen Experiment des südburgenländischen Autors und Regisseur Peter Wagner (53), steht er im Zentrum eines eigenwillig bis skurril anmutenden Streifzugs durch die pannonische Sagenwelt und die burgenländische Geschichte.
Doch nicht nur die charakteristische Nase des Alt-Kanzlers steht einem dank der Illustrationen von Henryk Mossler bei der Lektüre des dicken Heimatbuches beständig vor Augen. Für den zweiten Protagonisten, den Jungpolitiker Pinz Joe, der so gerne die Führung im Lande übernehmen würde, aber noch viel zu lernen hat, ist wohl der regierende Landeshauptmann Hans Niessl (S) Modell gestanden.
Wagner, mit seinen Texten, Inszenierungen und Aktionen seit vielen Jahren ein giftiger Stachel im Fleisch der burgenländischen Polit- und Kulturszene, versucht mit "Die Burgenbürger" eine Wiederbelebung des alten, längst von der modernen Medienwelt überholten Volksbuch-Gedankens und kreuzt diesen mit zeitgenössischer Polit-Satire. Onkel Fred klettert mit Pinz Joe, der eines Tages an dessen Haustür in Neufeld klopft und sich das "r" in seinem Namen erst verdienen muss, um nächster Landeslenker zu werden, in das große Bubülabu, das geheime Burgenbürgerlandbuch, in dem alle Mythen, Sagen und Märchen der langen und wechselvollen Geschichte des Landstriches verzeichnet sind.
In insgesamt 21 Märchen versucht sich Wagner an der "ultimativ märchenhaften, märchenhaft ultimativen Geschichtsschreibung eines weithin unerforschten Menschenvolks", und so begegnen Onkel Fred und Pinz Joe in der Folge alten Römern ebenso wie anstürmenden Türken, Maria Theresia wie der Blutgräfin von Lockenhaus, den Komponisten Joseph Haydn und Franz Liszt, aber auch jeder Menge Feen und Kentauren, Hexen und Geistern. Begleitet wird die turbulente Zeitreise von rund 200 aquarellierten und gezeichneten Illustrationen von Henryk Mossler, die immer wieder deutliche Anleihen an die Bilder- und Schreckenswelten von Hieronymus Bosch, Alfred Kubin oder Oskar Laske nehmen.
Peter Wagner hat mit seinem ungewöhnlichen Buch etwas gewagt. "Die Burgenbürger" bieten auf über 500 Seiten nicht nur eine grellbunte Mischung aus Geschichten und Geschichte, Unterhaltung und Belehrung, Sage und Satire, sondern auch viel Stoff für Diskussionen, ob diese Wagnis aufgegangen ist. Am besten im Rahmen verpflichtender Schullektüre junger Burgenbürger.
(S E R V I C E - Peter Wagner: "Die Burgenbürger", Illustrationen von Henryk Mossler, Edition Marlit im Hora Verlag, 568 S., 34,10 Euro, ISBN 3-213-00087-6, http://www.peterwagner.at)
(Schluss) whl/ley


Der folgende Rezensionstext von Clemens Berger zu "Die Burgenbürger",
Romansatire von Peter Wagner, ist am 9. Jänner 2010 im Spectrum
der Tageszeitung "Die Presse" unter dem Titel "Zehen
mit Salz bestreuen" erschienen. Er wird hier in der von Clemens
Berger abgegebenen Originalversion wiedergegeben.
Der gedruckte Artikel siehe Rezension
Burgenbürger in "Die Presse"
Tragödie der Eitelkeit, Komödie
der Vergeblichkeit
Bekanntlich ist die Frage, ob etwas eine Komödie oder eine
Tragödie sei, nicht immer eindeutig zu entscheiden. Die Schwierigkeit,
in der Tragödie nicht die Komödie und in dieser nicht
jene zu sehen, ist zumal in jenem schmalen Streifen Welt, das seit
beinahe neunzig Jahren auf den Namen Burgenland hört, oft aufs
Äußerste zugespitzt. Man muss bloß gelegentlich
die Tagesnachrichten des Landesrundfunks im Internet überfliegen,
um sich mit einem weinenden und einem lachenden Auge zu sagen, dass
es dergleichen nur im Burgenland geben könne – die Geschichten
ebenso wie die Benachrichtigungen darüber.
Peter Wagner, dessen Theaterstücke und Hörspiele die Grenzen
dieses schmalen Streifens Land oft überschritten haben, lebt
seit fünfundfünfzig Jahren dort, wo er geboren wurde und
seine Welt vor Augen und Ohren hat. Und weil er dort, wo er lebt,
nicht nur sein will, sondern als der sein will, der er ist und geworden
ist, hat ihm das über die Jahre viel Feindschaft eingetragen
– nicht nur von den rechten und braunen Kulturkämpfern.
Der Erzählband Aktion am Drulitschweg, mit dem er 1981 debütierte,
sollte lange die einzige Prosa des notorischen Störenfrieds
bleiben, der sich fortan ans Theater und Hörspiel, an die Regie,
den Film und die Musik hielt.
Beinahe drei Jahrzehnte später liegt ein dickes Buch mit einundzwanzig
sogenannten Märchen vor, in dem Wagner seine beiden Helden
Onkel Fred und Pinz Joe, die alles andere als Helden sind, ins Große
Buch der Burgenbürger, ins Bubülabu, einsteigen lässt.
Pinz Joe war schon Volksschuldirektor, Bürgermeister, Obmann
des Roten Fahnenschwingerclubs, nun will er tatsächlich etwas
werden – der Prinz der Burgenbürger! Dazu fehlt ihm allerdings
das Entscheidende: ein R, das R, die Farbe des Landes und des Weins,
die ihm in Gesicht wie Herzen fehlt. Onkel Fred, alt, gebrechlich,
neugierig und ziemlich weise, nachdenklich, melancholisch und dann
wieder jugendlich schelmisch, soll ihm dabei helfen. Gemeinsam mit
dem Kater Bruno steigen die beiden in das riesige Buch und gelangen
ähnlich wie Alice, die durch einen Spiegel schreitet, in ein
anderes Land – ins Burgenbürgerland, das mitunter auch
ein Wunderland ist, im Guten wie im Schlechten.
Gewiss kann man die Geschichte als Abrechnung mit der verlotterten
Sozialdemokratie lesen, als Hohn über die Technokraten und
Karrieristen, die sich dem Kapitalismus nicht nur ergeben, sondern
ohne Wenn und Aber verschrieben haben. Man kann auch eine gewisse
Wehmut über den Verlust, vielleicht gar eine Verklärung
vergangener Proponenten dieser Partei finden, denen Antifaschismus
und soziale Gerechtigkeit nicht bloß Floskeln für Sonntags-
und Wahlkampfreden waren. All das ließe sich aber anders und
kürzer sagen; vor allem verfehlte es den Kern dieser wundersamen
Reise, in der uns nicht nur Haydn, Liszt oder der Heilige Martin
begegnen.
Es sind Phänotypen, die Wagner durch die Geschichte stolpern
und torkeln lässt, mit vollen Bäuchen und leuchtenden
Nasen, in jeder Zeit im falschen Kostüm, stets verdächtig,
oft verlacht, bisweilen bestaunt, von der Steinzeit übers Mittelalter,
vom Marsch der Türken auf Wien über den Ausbruch nationalistischer
Gefühle bis zum Ende des ersten Weltkriegs. Da ist einer, der
nichts spürt, nichts sieht, nichts hört, der mit den Verhältnissen
immer einverstanden ist, die Teilungen in Oben und Unten gutheißt,
solange er nur zum Oben gehören könnte, zu denen, die
etwas zu sagen, repräsentieren oder entscheiden haben; und
wenn er aufmuckt, tut er es in sich. Und dann ist da einer, der
läppisch und tollpatschig wirkt, schon weil seine Nase so groß
ist, den die Wut über unhaltbare Zustände überkommt,
der stets einen Schritt zurücktreten will, um zu überlegen,
während er doch am liebsten mitmischen würde, um für
andere Verhältnisse zu kämpfen.
Allein, sie befinden sich in der Geschichte. Zwar wird die immer
neu und anders und den jeweiligen Anforderungen der Zeit entsprechend
geschrieben, bloß die Tatsachen und deren Wirkungen lassen
sich nicht ungeschehen machen. Obwohl Pinz Joe den Kreisverkehr
oder die Dampflokomotive avant la lettre erfindet (eigentlich ist
es Seelchen, die Dritte im Bunde, die Unerlöste, die über
die Zeiten hinweg stets in anderer Gestalt auftritt, um schließlich
in der Vereinigung Pinz Joe mit ihrem Blut das fehlende R zu geben),
obwohl Onkel Fred den Gruß Freundschaft in die Welt bringt,
bleibt es immer beim Beinahe. Wo der eine gern eingreifen, um den
Verlauf der schlechten Geschichte zu ändern, und der andere
am liebsten glänzen würde, bleiben sie Reisende, Zaungäste,
die höchstens mitspielen dürfen, jedoch nichts bewerkstelligen
können, selbst wenn Joe anscheinend Riesenschlachten verhindert.
Nur am Ende, das mit einem Doppelpunkt schließt, besteht die
Möglichkeit, dass Onkel Fred, indem er absichtlich beim Kartenspiel
verlöre, die Geschichte ab 1921 radikal veränderte, den
Nationalsozialismus abwehrte, die Shoah, Hiroshima und den sogenannt
real existierenden Sozialismus gleich dazu. Dafür müsste
er allerdings den Worten eines ungarischen Weißgardisten und
Antisemiten vertrauen, der ihn kurz davor noch auf eine Bank gefesselt
und die Zehen mit Salz bestreut hat, um eine Ziege daran lecken
zu lassen, was Fred und das Publikum fürchterlich lachen ließ.
All das ist äußerst witzig und in grellen Bildern erzählt,
in die bisweilen ein Blitz fährt, der für einen Moment
so etwas wie Wahrheit durchscheinen lässt. Da ist etwa Toni,
ein armer Kerl in schlimmen Zeiten, dem auf einer Bühne vor
versammelter Menge zuerst von einem katholischen, dann einem protestantischen
Geistlichen und schließlich vom Fürsten die letzten Groschen
aus der zerlumpten Jacke gezogen werden; allerdings wird er von
Gauklern zum Narren gehalten, die in Kostüme schlüpfen,
um sich an der Dummheit und Vergnügungssucht der Menschen gütlich
zu tun. Am Ende darf Toni durch einen Spiegel treten und zum Pudel
werden, der ein besseres Leben hat als ein Tölpel auf armem
Land. Fortan streunt er mit Fred und Joe, Seelchen und dem Kater
Bruno durch die Zeiten und pinkelt immer wieder an feine Beine.
Im Parforceritt durch die Zeiten (und während des Flugs mit
der Gans Erika) destilliert sich vielleicht das heraus, weswegen
Pinz Joe die Reise auch angetreten hat: die Identität der Burgenbürger,
eine Nicht-Identität. Sie will er ergründen, um diese
dereinst besser regieren zu können. Es ist ein kleines Land,
durch das die Römer ziehen, die Heere der Hunnen und Germanen,
Awaren und Magyaren, Türken und Habsburger. Da leben Deutsche
und Ungarn, Kroaten, Roma und Juden – aber alle sind doch
immer auch und in erster Linie Burgenbürger, Grenzgestalten,
wenig eindeutig, alles andere als identisch. Vereint werden sie
von der Melancholie der Ebene, vom Ausbruch im Rausch, vom Gefühl,
sich in einem Moment für einen Weltmeister zu halten und im
nächsten schon wieder den Kopf einziehen zu müssen, wie
es der Vater und die Mutter und deren Väter und Mütter
getan hatten. Fred und Joe entdecken den Schwellenmenschen, Homo
suellensis Pannoniae, Nachfolger auch jener Grenzwächter aus
dem Märchen, die zwei Gesichter besitzen, wobei das eine nach
Osten, das andere nach Westen schaut –und spuckt. Onkel Fred
erkennt in all dem die Vergeblichkeit menschlichen Tuns, an das
er doch glaubt. „Und Fred sagte, betrachtest du es von Osten,
ist es der Saum der Alpen. Siehst du es von Westen, ist es der Tellerrand
der großen Ebene. Oben und unten je eine Pforte, die Donau
im Norden, die Raab da unten im Süden. Alles dazwischen ist
barer Übergang, von einem ins andere, vom anderen ins eine.
Das ist die Zwischenwelt schlechthin.“
Am Stärksten ist Wagner, wo er das Phänotypische grotesk
überspitzt. Sieben Burgen müssen passiert werden, um zum
Tyrannen Henz vorzudringen. Er thront auf einem rollbaren Podest,
unendlich groß und wahnsinnig gefräßig; was immer
ihm das Volk darbringt, von Kutschen über Weinfässer bis
zu den Kindern, er verschlingt alles mit einem Biss. Da sind die
Kroaten, die Krowoden, die einen vom Süden in den Norden langgestreckten
Hof bewohnen, wobei jeder Hof sich vom anderen unterscheidet und
abgrenzt. Manche von ihnen sind Wurzelstecher: mit den ausgegrabenen
Wurzeln reisen sie in die Städte, um sie in Geld umzusetzen.
Andere bauen in ihrer Assimilationswut die „deitsche Schanze“,
über die ihre Kinder müssen, um eine Chance im Leben zu
haben, während sie sich mit riesigen Bürsten den Akzent
von der Zunge zu schrubben versuchen. In ein monumentales Magistrat
zur Magyarisierung tritt man mit deutschem Namen, mit einem Stempel
auf dem Hals und ungarischem Namen verlässt man es wieder.
In all dem Aberwitz, in all den bunten Szenen spürt man immer
auch, wem die Anteilnahme des Autors gilt, die durch Onkel Freds
Blick ins Burgenbürgerland kommt – den Subalternen, den
sogenannten kleinen Leuten, die nicht nur klein sind, weil es die
Großen so wollen, sondern auch weil sie akzeptieren, klein
zu sein, es nicht anders wollen, bisweilen sogar wünschen.
Der ungarische Béres, der Knecht par excellence, spricht
unumwunden aus, dass zuviel Freiheit, ja Freiheit überhaupt
den Menschen nicht gut bekomme. Das ist die Szene, in der Onkel
Fred zum ersten und einzigen Mal weint. Sein Erfinder erzählt
das merkwürdige Märchen des Landes von unten, anhand derer,
die in eine Geschichte geworfen sind, die gnadenlos über sie
hinwegzieht.
Henryk Mossler, ein aus Polen stammender Maler, den es vor langem
ins, ja, Burgenbürgerland verschlagen hat, steuert zweihundert
Aquarelle und Zeichnungen zur Geschichte der Grenzmenschen bei.
Mossler illustriert die Geschichte nicht, er erzählt sie in
der ihm eigenen Bildsprache noch einmal: bunt und derb, phantastisch
surreal und überrealistisch, tiefkomisch und himmelschreiend
verzweifelt. Hexen und Priester, Stimmfänger und Gott Pan,
Tiere und Fabelwesen künden in ihrem Wahn, ihrer Geilheit,
ihrem Zwinkern und Saufen, im Nasedrehen und Beinstellen von der
Komödie der Vergeblichkeit und der Tragödie der Eitelkeit.
Nachdem er den Verfolgern nicht mehr entkommen konnte, lugt Onkel
Fred als Purbacher Türke aus einem Schornstein. In dem verklärten,
staunenden Blick, mit der roten Nase, die von den Stunden zuvor
im Weinkeller erzählt, fängt Mossler jenes seltsame Glück
im Augenblick ein, der bestimmt vergeht. Von unten kommt schon das
Feuer, bloß der Blick in die Weite ist so schön.
Peter Wagner: Die Burgenbürger. Die ultimativ märchenhafte,
märchenhaft ultimative Geschichtsschreibung eines weithin unerforschten
Menschenvolks. Mit Illustrationen von Henryk Mossler. 560 Seiten,
€34,10, Edition Marlit/Hora Verlag
Der alte Onkel und sein
Pinz
Peter Wagner hat ein grotesk delikates Buch geschrieben,
das dem Märchen zurückgibt, was des Märchens ist:
die schlichte Wahrheit.
Die Sache mit der Identität ist eine ziemlich heikle Angelegenheit.
Zwar tut man gerne so, als gäbe es tatsächlich sowas wie
eine Einheit mit sich selbst. Beim näheren Hinschauen entpuppt
sich die dann aber bald als eine etwas monströse Groteske,
die kaum mehr ist als ein Sammelsurium launiger Aberwitzigkeiten,
die gerade dann ein wenig ins Obszöne lappen, wenn die gewichtigsten
Angelegenheiten zur Sprache kommen.
So gesehen, hat das neue Buch von Peter Wagner eine zwingende innere
Logik, die sich davon nährt, dass ein gewisser Pinz Joe - das
R muss er sich erst verdienen - einen gewissen "Herrn Doktor
Onkel Fred" aufsucht, damit der ihm beibringt, "was Wesen
und Identität der Burgenbürger angeht" . Mehr hat
er nicht gebraucht, der Pinz Joe, der sich anschickt, der nächste
Fürst des Burgenbürgerlandes zu werden. Der Herr Doktor
Onkel Fred nimmt den kleinen Joe mit auf eine Tour d'horizon durchs
große, heilige Burgenbürgerbuch. Und ab geht die Post,
quer durch die Zeitläufte, an deren Ende dann das mit sich
selbst identische Burgenbürgerland steht oder stehen sollte.
"Märchen" nennt Peter Wagner die 21 Abenteuer, welche
die beiden unschwer zu identifizierenden Protagonisten zu bestehen
haben. Aber man würde dem Buch schwer unrecht tun, es als Schelmenporträt
des vom verstorbenen Altkanzler Sinowatz an der Hand genommenen
Hans Niessl missverstehen zu wollen.
Den Grimmelshausen machen
Wagner macht dem burgenländischen Landeshauptmann mit diesem
Buch sozusagen den Grimmelshausen. Als Simplicius Simplicissimus
stolpert er durch die Geschichte des Burgenbürgerlandes, das
bevölkert ist von grotesken Rabelais'schen Gestalten - vom
käuflichen Gott Pan über den Riesen Henz bis hin zu jenem
Esterházyfürsten, in den sich der irrlichternde Pinz
Joe unerklärlicherweise verwandelt, worauf ihm die Verheiratung
mit der hässlichsten Tochter der Maria Theresia droht, dem
stinkerten Liserl.
Eine Romansatire nennt sich das Buch. Aber das greift auch ein wenig
kurz, denn in den starken Momenten wächst die Geschichte weit
über die Vorlage zu etwas Eigenem.
"Ein Volksbuch" , sagt Wagner, habe er schreiben wollen,
ein Buch, das auch dem zur Unterhaltung dient, der wenig Augenmerk
legt auf die Querverweise und die Anspielungen, die hämische
Kritik und die süffisante Bloßstellung des modernen sozialdemokratischen
Leerlaufs.
Das alles sind die Burgenbürger auch, aber eben nicht nur.
Denn der Erzählgestus ist eben der des klassischen Märchens
- dass sich da einer ein Achterl vom Eisenberg einschenkt, einen
tiefen Schluck nimmt und zum Schwadronieren anfängt bis tief
hinein in die Nacht. Das allerdings ist hohe Kunst. Denn so einfach,
wie es hier hingeschrieben wird, ist es natürlich nicht. Es
bedarf einigen handwerklichen Geschicks, den fabulierenden Ton nicht
ins Plaudern ausfransen zu lassen, in dem dann die schönen
Burlesken zu bloßen Gags werden, die der mächtig geschwänzte
Operettendirektor über die Bühne sozusagen wunderbart.
"Die Satire" , sagt Wagner, "verlangt ungeheure Präzision."
Und umfassende historische Kenntnis natürlich auch, denn sonst
kann es passieren, dass einer wie Pinz Joe die längst schon
erfundene Dampflokomotive erfindet - ein Wortbild, das fast Markenqualität
hat, nicht nur fürs Burgenbürgerland.
Peter Wagners Buch ist im Hora-Verlag erschienen, einem Verlag,
der vor Jahrzehnten schon mit Jaroslav Seifert oder Slavoj Zšizšek
große Ambition gezeigt hat, zuletzt aber ein wenig eingeschlafen
ist. Ein etwas verwunschener Verlag also, der nun mit einer neuen
Reihe, der Edition Marlit, wachgeküsst werden soll.
Grundierende Aquarelle
Sollte Wagners Buch diesbezüglich etwas Programmatisches haben,
darf man gespannt sein. Die Burgenbürger sind nämlich
ein schönes, aufwändig gestaltetes Buch, zu dem Henryk
Mossler 200 Aquarelle beigetragen hat, die Wagners Erzählton
weniger illustrieren, sondern grundieren, und in denen man sich
da und dort auch richtiggehend verlieren kann.
Mosslers Bilder nutzt Peter Wagner - der ja nicht bloß ein
Schreiber, sondern auch ein Theatermann ist - ebenso zur Inszenierung
seiner Lesungen. Am vergangenen Donnerstag geriet die Präsentation
in der Osliper Cselley-Mühle zum theatralen Akt, in dem die
Bilder eine nicht minder wichtige Rolle spielten wie die feine Musik
jenes Ensembles, das sich sinnigerweise "Trio Burgenbürgerland"
nennt.
Wolfgang Weisgram, ALBUM - DER STANDARD/Printausgabe, 21./22.11.2009
Peter Wagner, "Die Burgenbürger. Die ultimativ märchenhafte,
märchenhaft ultimative Geschichtsschreibung eines weithin unerforschten
Menschenvolks" . € 34,10 / 560 Seiten. Edition Marlit
im Hora-Verlag, 2009.
Hinweis:
Am 29. November performt Peter Wagner ab 16 Uhr in der Roten Bar
des Volkstheaters.
Link:
www.edition-marlit.at
„Wir Burgenbürger“
WAGNERS ODYSSEE / Opulent, frech und wortgewaltig startet
die Edition Marlit im Hora Verlag: Zum Auftakt serviert Peter Wagner
heimische Geschichte(n) als grenzenlose Romansatire.
Es war schon im Vorfeld viel zu hören davon. Gar, dass manche,
speziell in Polit-Kreisen, der Veröffentlichung mit Spannung
entgegengesehen hätten.
Als Peter Wagner dann kürzlich mit „Die Burgenbürger“
sein neues 570-Seiten-Werk präsentierte, stellte es sich als
das heraus, was es ist: ein gewichtiges Stück burgenländische
Literatur. Aber schon auch ein wildes.
Drei Jahre lang schrieb der südburgenländische Vielarbeiter,
„fordernde Denker“, Film- und Theatermensch an seinem
Werk, das in 21 Abenteuern nicht nur mit politischen Befindlichkeiten
liebäugelt, sondern mit Liebe zum (historischen) Detail eine
ganze Landesgeschichte zur Romansatire umschreibt.
Die neue Verlags-Edition mit Burgenland-Connection
Mit diesem „Epos“ startete die Edition Marlit nun ihr
Programm – als Verlag in Wien, mit burgenländischen Berührungspunkten.
Dazu haben sich mit Winfried Plattner, dem Leiter des Hora Verlages,
zwei zusammengetan, die hierzulande keine Unbekannten sind: Vera
Sebauer und Eveline Rabold.
Nach einem sauberen Start mit den „Burgenbürgern“
stehen die nächsten Veröffentlichungen bereits fest –
die erste Künstlermonographie des Duos „Machfeld“
und Andreas J. Obrechts Roman „Der doppelte Schritt“.
Buch-Kritik
Pinz Joe (ohne „r“, denn das muss er sich erst verdienen)
will Fürst des Burgenbürgerlandes werden und lässt
sich von Doktor Onkel Fred auf eine Reise durch die Geschichte dieses
„weithin unerforschten Menschenvolkes“ mitnehmen. Darum
geht es in Peter Wagners „Märchen“. Und dann geht´s
los: Die beiden Protagonisten – in den Illustrationen Henryk
Mosslers und auch sonst als amtierender Landeschef und legendäres
SPÖ-Urgestein unschwer auszumachen – ziehen durch die
Landesgeschichte: eine Odyssee, ein Volksbuch, Insider-Schmäh
auch für Nicht-Burgenbürger, historische Punktlandungen,
ein skurriles Drunter und Drüber – Wagners Buch ist all
das und noch mehr. Schwer und gut liegt es in der Hand und macht
viel Spaß.
Wolfgang Millendorfer, BVZ, 16. 12. 2009
Siegmund Kleinl
Sein oder Design – das ist hier die
Antwort
Zu Peter Wagners Roman Die Burgenbürger
1
Sein oder Design – das ist in Peter Wagners Roman „Die
Burgenbürger“ anfanghaft die Frage.
Sinnlichkeit der nackten Existenz oder die Intelligenz des menschlichen
Entwurfs (Designs).
Erzählend und reflektierend wirft der Dichter den Homo suellensis
Pannoniae (den Menschen der pannonischen Schwelle) in den Gestalten
eines gewesenen (Fred) und wesenden (Pinz Joe) burgenländischen
Politikermenschen ins volkstümliche Dasein, zurück in
die Bilderhöhlen grauer Vorzeit bis herauf in die Höllenbilder
des beginnenden 20. Jahrhunderts.
So viel Geschichtszeit wird in 21 Geschichten vom Dichter eingefangen
und auf die Leser (innen) losgelassen.
Beseelt von Seelchen, einer an Engel und Madonnen erinnernde Märchenfigur,
bilden die zwei Repräsentier-Burgenbürger mit der seelischen
Begleiterin eine menschliche Trinität, die in Henryk Mosslers
Zeichnungen und Aquarellen einen bewegten Geschichtsreigen tanzt
nach der Weise eines weisen Buches, in das Fred und Pinz Joe hineinsteigen,
um in einem sturminspirierten Meer von Geschichten ordentlich ins
Schwimmen, Schwitzen und Schwatzen zu geraten.
2
Der Autor hat gründlich recherchiert, das in Geschichtsbüchern
gefundene Material verwandelt in poetisch erfundene Märchen,
beginnend in grauer Vergangenheit, heraufdämmernd aus der Zeit
der Römer, düster erhellt von Rittern und Hexen, Türken
und Gauklern, Hianzn und Zigeunern, Poltikern und Helden der Arbeit,
die allesamt sich als Ahnen der Burgenbürger erahnen lassen.
Durch die feinsinnigen und grobsinnlichen Textzeilen schillert nicht
nur das Volksbuch durch, auch eine klassische Menschheitsidee: Der
Mensch, der sich durch die Geschichte emanzipiert. Ist solcherart
Emanzipation ein Märchen?
Ist Peter Wagner dem Roman-Tick verfallen, das Erzählen bringe
die Welt hervor, ja schaffe sie neu?
3
Die Form des Märchens bedient sich des Dichters, der das Sagen
zuspitzt, bis sich das Erzählte aussagt. Moderne Literatur
will meist nur sagen, nichts aussagen. Peter Wagner ist das Sagen
allein zu wenig. Er arbeitet zwar intensiv mit und an der Sprache,
seziert sie aber nicht, er belebt sie mit dem Atem des Volksmunds.
Das Sezieren der Sprache ist die Marotte derer, die, da sie nichts
auszusagen haben, sich aufs Sagen beschränken, sagt der anarchistische
Denker Cioran.
Ist der Märchen-Erzähler Peter Wagner ein Anarchist?
Ja. Er nutzt die Gesetze des Märchens, um mit ihnen zu brechen.
Ist einer, der über die herrschenden literarischen Gesetze
lose, locker hinweggeht.
Was auf den ersten Leserblick traditionell daherkommt, ist bei genauer
Lektüre der Mut des Autors, dem Leser Unterhaltung auf anspruchsvollem
formalen und sprachlichen Niveau zuzumuten. Will man den Roman einer
literarischen Gattung zuordnen, sperrt er sich nicht dagegen, offenbart
sich vielmehr als formenübergreifender, die ihm zugeordnete
Gattung integrierender Erzählkörper. Eine dieser vielfältigen
Formen ist die Satire. Sie wirkt umso treffender, je hochgradiger
ihre Literarizität ist.
4
Wagners Roman ist ein opulentes Erzählwerk in zwanzig und einem
Märchen, entfernt an Tausend und eine Nacht erinnernd, orientalisch
üppig in der Phantasie, Märchen mehr im ursprünglichen
Wortsinn von „maere“, wie es im um 1200 verfassten Nibelungenlied
gebraucht wird: uns ist in alten maeren, wunders viel geseit / von
heldene lobebaeren, von harter arebeit / von fröiden, hochgeziten,
von weinen und von klagen / von küener recken striten…
liest man in der ersten Strophe des Heldenepos. Klingen da nicht
Wagners kühne Recken Fred und Pinz Joe ouvertürenartig
an? Es ist harte arebeit, wenn Fred, dem der Kater Bruno ständig
im Nacken sitzt, seinen Schüler sozial und demokratisch machen
will. Da hat Pinz Joe manchmal mit Fred sein Gfrett. Gemeinsam ist
ihnen oft zum weinen, klagen sie über Zu- und Missstände,
erleben aber auf ihren historischen Abenteuern auch die Freuden
von Festen, die ihnen nicht immer ganz gut bekommen. Typisch burgenbürgisch
müssen sie jegliches Essen, zu dem sie eingeladen sind, bis
zum Fressen gern haben, das Trinken übel in sich hineinsaufen,
überstehen aber, zur Beruhigung des Wählervolkes, alles.
Helden eben. Im Sinne Wagners, Peter nicht Richard.
Von alldem und mehr erzählen die 21 maeren, fiktive Berichte,
die Kunde geben von den landläufigen Sitten, Bräuchen,
Taten und Tätlichkeiten der erahnten Burgenbürger. Märchen,
die in Sagen hinüberoszillieren, also aus der Zeitlosigkeit
von Gut und Böse in eine sagenhafte Zeit von gutem Bösen
und bösem Guten.
Satt ist der Burgenbürger nicht immer gewesen, aber tierisch
wird er ebenso weiter sein wie menschlich, satttierisch eben.
5
Vom Märchen über die Sage changiert Wagners Roman ins
Pikaresk-Satirische, scheint inspiriert zu sein von den Anfängen
des europäischen Romans.
An den Anfängen stehen Rabelais` „Gargantua und Pantagruel“
(erschienen1532- 1564)und Cervantes` Don Quijote (erschienen 1605-1615)
mit seinem Diener Sancho Pansa. Erinnern Fred und Pinz Joe nicht
an diese literarischen Heiligen idealistischer bzw. pragmatischer
Einfalt? Wenngleich Fred seiner äußeren Statur nach eher
an Sancho Pansa, der schlankere Pinz Joe mehr an Don Quijote denken
lässt, ist es hinsichtlich der Charaktere gerade umgekehrt.
Fred markiert den Idealisten, den Tagträumer im Sinne Ernst
Blochs, der an die Veränderung der gesellschaftlichen Verhältnisse
glaubt, Prinz Joe den Pragmatiker, für den opportunes Denken
ganz oben in der Werteskala rangiert, so gesehen Sancho Pansa nicht
unähnlich.
Während jedoch Don Quijote aus den Ritterbüchern, die
er liest und deren Inhalt er ähnlich den Computerspielefreaks
von heute mit der Realität gleichsetzt, herausgeht, gehen Fred
und Joe in das große, geheime Geschichtsbuch hinein, von dem
im ersten Märchen des Romans die Rede ist, um sich durch das
Kennenlernen der Vergangenheit der Burgenbürger von den leibhaftig
erfahrenen Herrschaftsstrukturen zu emanzipieren. Zum Beispiel von
der Gestalt des maßlos gefräßigen Riesen Henz und
dessen Sohn aus der Gegend um Güssing, den Vorfahren der Hianzn.
Beide erinnern an Pantagruel und seinen Sohn Gargantua, auch sie
Riesen und gefräßig, wenngleich weit nicht so imperialistisch
gierig und brutal wie die Antihelden in Wagners Roman. (Der Riese
Henz ist auf dem Titelbild des Buches dargestellt).
Bei Rabelais tritt die Handlung zugunsten einer sprühenden
Sprachphantasie stark in den Hintergrund, bei Peter Wagner gewinnen
die Geschichten durch eine phantasievolle, bildhafte Sprache eine
raumgreifende Plastizität mit atmosphärisch dichtem Lokalkolorit.
Wagners Sprache gemahnt im Grundriss ihrer Syntax mit ihren häufig
weit gespannten Satzbögen, ihrer volksnahen Sinnlichkeit, ihrer
Detailfreude und ausladenden Metaphorik an den Stil des Barock,
etwa an Grimmelshausens Simplicius Simplicissimus. Dieser Roman
mit dem Dreißigjährigen Krieg als Hintergrund ist eine
deutschsprachige Form des Schelmenromans, in dessen Mittelpunkt
die Lebensgeschichte eines Mannes steht, der alle
Dimensionen der menschlichen Existenz durchlebt. Simplicius, ein
Junge scheinbar einfacher Herkunft und einfältigen Geistes,
der sich aber im Laufe seines Lebens gewaltig entwickelt, könnte
in Wagners Buch eine Entsprechung in Fred finden, Pinz Joe bliebe
die Rolle des Simplicissimus.
6
Vergleicht man Wagners Roman mit konventionellen Romanen neuerer
Zeit, also des
19./20. Jahrhunderts, lassen sich über die Gemeinsamkeiten
hinaus auch wesentliche Unterschiede herausarbeiten. Es wäre
demnach voreilig zu behaupten, dass Wagners Roman sich formal in
nichts von der überwiegenden Zahl seiner Gattung unterscheide.
Der herkömmliche Roman macht kein Theater mit der Realität.
Dazu ist er zu realistisch, zu sehr auf Mimesis, Nachahmung der
Wirklichkeit, bedacht. Er ist weiters gekennzeichnet durch eine
chronologische Abfolge des Erzählten.
Auch Wagner erzählt in seinem Roman die Ereignisse chronologisch,
gestaltet sie aber dramaturgisch wirksam aus zu Szenen einer Weltgeschichte
im Kleinen.
Den traditionellen Roman prägt das kausale Gefüge von
Wirkung und Ursache.
Solchem Gefügtsein fügt sich das Geschehen in den Burgenbürgern
nicht.
Im typisch realistischen Roman werden die Charaktere aus dem Kontext
ihrer psychologischen und sozialen Bedingungen heraus entwickelt.
Die Burgenbürger, verkörpert in Fred und Pinz Joe, sind
Charaktere, die bleiben, wie sie sind.
Der traditionelle Romancier erzählt meist aus der zentralen,
der auktorialen Perspektive.
Peter Wagner auch, lässt aber seine Figuren entscheidend miterzählen,
wechselt dabei von der zentralen in die personale Perspektive.
Konventionell wird durch Erzählen Spannung aufgebaut.
In den Burgenbürgern erwächst die Spannung aus der erzählten
Rede und den Dialogen, die vor allem eine innere Dramatik erzeugen.
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Die 21 Abschnitte des Romans sind zwar durch Protagonisten, Leitmotive
und formale Strukturen miteinander verbunden, haben aber nicht den
großen Spannungsbogen einer durchgehenden Handlung. Die einzelnen
Kapitel stehen inhaltlich weitgehend für sich, sind aber strukturell
einander ähnlich.
Die Beschreibung von Form und Sprache eines Kapitels kann daher
exemplarisch für alle anderen stehen.
Wie jedes der 21 Märchen des Romans beginnt auch das erste
mit einer knappen Inhaltsangabe:
Wie der von Fürst Karl geschickte Junge bei Altkanzler Fred
auftaucht; wie er erfährt, dass das Wissen der Menschheit ein
Tier ist; wie er sich über die Büchergewächse des
alten Mannes aufklären lässt und dann einen mutigen Schritt
mit ihm tut.
Inhaltsangaben in ähnlicher Form finden sich auch in barocken
Romanen, in den Volksbüchern von Till Eulenspiegel und den
Schildbürgern, in Sebastian Brants Moralsatire Das Narrenschiff
(1494) sowie im epischen Theater Bert Brechts.
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Die Romanhandlung setzt ein mit dem Erscheinen Pinz Joes bei Altbundeskanzler
Fred, der in einem stinknormalen Haus wie jedes andere stinknormale
Haus in der Gasse wohnt.
Die Wiederholung von Wörtern wie hier des Adjektivs stinknormal
ist kein Zufall oder Einzelfall im ganzen Roman. Die Stilfigur der
Wiederholung wird immer wieder bewusst eingesetzt, um das Einzelne
ins Allgemeine, das Individuelle ins Kollektiv zu integrieren.
Das ist im Kern eine politische Aussage, die nicht inhaltlich vermittelt
wird, sondern über die sprachliche Formgebung. Es geht, und
das wird an diesem sprachlichen Detail bereits deutlich, nicht um
einen historischen Roman, sondern um eine Erfassung und Durchdringung
geschichtlicher Tatbestände mit literarischen Mitteln (wie
Wiederholung, Fiktion, Phantasie, Sprachspiel, Vergleiche, Metaphern,
Personifikation, Allegorien usw.).
Ein Beispiel für eine Allegorie bzw. Personifikation ist die
Erzählung Pinz Joes von seiner Großmutter, der Roten
Resi, die ein Motorrad mit dem Kennzeichen BB-Sozi 1 fährt.
Was mit dieser allegorischen Figur oder Personifikation gemeint
ist, muss nicht erklärt werden.
Das fehlende R in Pinz Joe ist eine auf den (abhanden gekommenen)
Buchstaben gebrachte Charakteristik dessen, was Joe tatsächlich
fehlt. Ohne R bleibt von der politischen Symbolfarbe Rot nur „ot“,
also nichts, was Sinn machen würde. Rot ist, wie im Märchen
1 und in der Folge einige Male wiederholt, die Farbe aller Farben.
Literatur in ihrer dichtesten Form gibt nicht wieder, was gedacht
wird, sondern stellt es an der Sprache selbst dar.
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Nachdem der auktoriale Erzähler in wenigen Sätzen geschildert
hat, wie Pinz Joe zu Fred kommt, beginnt ein langes Gespräch
zwischen beiden, das etwa 11 von 13 Seiten umfasst, unterbrochen
nur von der Beschreibung der Mimik und Gestik der Gesprächspartner,
die wie Regieanweisungen eines Theaterstückes anmuten.
Das Gespräch wird mit einem Aha – Erlebnis Freds eröffnet,
als er plötzlich Pinz Joe vor sich stehen sieht.
Fred spricht hochdeutsche Umgangssprache ohne grammatikalische Defekte,
ganze, verständliche Sätze, die häufig mit trockener
Ironie gewürzt sind. So droht er dem Gast mit zwei Dopplern
Weißen, falls der unlautere Absichten mit seinem Besuch verbinde.
Pinz Joe antwortet in der Form eines Anakoluths (Halbsatzes), an
anderen Textstellen elliptisch. Es fehlen Pinz Joe in seinen gedanklichen
Konstrukten also oft entweder das Subjekt oder die Satzaussage.
Die Redefigur des Anakoluth ist symptomatisch für einen jungen
unerfahrenen Hochstreber, der nicht recht weiß, worauf alles
hinaus will.
Pinz Joe unterbricht seine Sätze im Gespräch mit Fred
immer wieder, irritiert vom scharfen Blick und lächelnden Mund
seines Gegenübers. Fred hat das Gefühl, vor ihm sitze
ein unsicherer Schüler, und sieht sich rasch, ohne es zu wollen,
in der Rolle des Lehrers.
Wie pädagogisch unaufdringlich er seine Rolle wahrnimmt, zeigt
sich an einem gekonnten Wortspiel. Als Pinz Joe auf die Mistelgewächse,
die aus Freds Büchern hängen, aufmerksam wird, erklärt
dieser dem fragenden jungen Mann, dass es zwei Arten davon gebe,
die Optimisteln und die Pessimisteln. Er erörtert daraufhin
dem staunenden Schüler, was es mit diesen beiden begrifflichen
Wortneubildungen philosophisch und gesellschaftlich auf sich habe.
Dramaturgische Effekte werden nicht selten durch subtile Pointen
erzeugt, wie in der folgenden Reaktion des Jungen auf die Erklärungen
Freds:
Der Junge fühlte sich wie erschlagen von der geistigen, weit
mehr noch plastischen Klarheit dieses Mannes.
Die innere Dramatik wird weiter vorangetrieben durch geheimnisvolle
Dinge und Informationen:
Kennst du das Große Heilige Buch des Burgenbürgerlandes?
...
Die wenigsten kennen es. Und doch ist es von eminenter Bedeutung
für uns Burgenbürger. In ihm ist die Geschichte unserer
direkten, indirekten und gar nicht Vorfahren verzeichnet. Jedes
Volk, das etwas auf sich hält, hat solch ein heiliges Buch.
Bei uns im Burgenbürgerland ist es das sogenannte Bubülabu,
das Burgenbürgerlandbuch. Es ist ein Geheimbuch.
O, sagte Pinz Joe.
Der Spannungsbogen des Gesprächs geht schließlich an
seinem sprachlichen Zenit und Wendepunkt ins praktische Handeln
der beiden Protagonisten über. Sie steigen ins Buch ein, womit
ihre abenteuerliche Reise in die Vergangenheit unserer Region beginnt,
auf die der Dichter auch viele Leser mitnehmen will.
Pressetext zu Peter Wagner, Die Burgenbürger
PANNONISCH BURLESK
Der südburgenländische Autor, Regisseur und Filmemacher
Peter Wagner legt mit „Die Burgenbürger“ eine Romansatire
von literarischer Brillanz vor. Mit einer emotionalen Breite –
von feinsinnigst bis derb und zotig, von bizarr überzeichnend
bis schaurig real – erzählt er in 21 Märchen die
Geschichte eines „weithin unbekannten Menschenvolkes“.
Der Künstler Henryk Mossler begleitet den Band in einer skurrilen
Bildsprache mit etwa 200 aquarellierten und gezeichneten Illustrationen.
„Mein erstes Augenmerk hat“, so Peter Wagner, „einer
Art Volksbuch gegolten, das auch lesen können soll, wer ‚nur’
mit einer Unterhaltungserwartung an ein Buch herangeht.“
Wagner ist es mit seiner Romansatire gelungen, nicht nur äußerst
unterhaltsam zu sein, er geht gleichzeitig historisch in die Tiefe
und beschreibt die Geschichte eines Grenzraumes, eines Aufmarschgebietes
zahlreicher Volksstämme, malträtiert durch entvölkernde
Schlachten, ausbeutende Despoten, Kirchenfürsten und wirtschaftliche
Systeme. Er verknüpft das historisch Tradierte mit märchenhaft
Imaginiertem in der Begegnung mit Riesen, Hexen oder Seelchen.
Auf die Reise durch die Geschichte der „Burgenbürger“
schickt Peter Wagner zwei Protagonisten: den Geschichtsgelehrten
Onkel Fred und den von der „Roten Resi“ gedrängten
Zögling Joe.
Der Zögling steigt als „Pinz Joe“ gemeinsam mit
Onkel Fred in das „Große Heilige Buch des Burgenbürgerlandes“
ein, durchlebt und -leidet dessen Geschichte, um sich am Ende der
Reise des begehrten R, das für die Farbe ROT steht und ihm
zum „Prinzen“ fehlt, als würdig zu erweisen. Sie
landen bei Höhlenmenschen, begegnen Gott Pan, den Römern,
dem Heiligen Martin, blicken aus der Vogel- bzw. „Gans“-Perspektive
auf Schlachtfelder:
„Himmelorschundzwirn!“, sagte der Bayernführer,
und seine Mannen senkten die Schwerter und die Bischöfe und
ihre Adjutanten bekreuzigten sich, weniger der Himmelserscheinung
wegen als der rüden Sprache ihres herzöglichen Kommandanten.
„Jaj, istenem!“, sagte der Árpád und die
Magyaren senkten die tödlichen Bögen und die Gesichter
der Táltos zuckten und flackerten. „Das ist kein guter
Tag für eine Schlacht!“, rief Pinz Joe und Fred dachte,
oje.
Sie entfliehen den Türken, sind zu Gast bei Bauern, die ihre
Kinder vor dem Riesen Henz verstecken, bei Geigenweltmeister Tschitschu,
den krowodischen Kuiprakeri, Variscani, Hajdenjaki, schlüpfen
in die Kleider der Aristokratie, sind fasziniert von den Helden
rationalisierter Arbeit, ....
Obwohl die Erlebnisse der Reise Onkel Freds „Theorie der Vergeblichkeit“
in keiner Weise korrigieren und das Empfinden des Beengtseins in
der Heimat des Menschentypus Suellensis Pannoniae – übersetzbar
mit Schwellenmensch Pannoniens – nicht mindern, sehnt er sich
nach seinem irgendwie überschaubaren Kosmos:
„Hatten die, die dieses Land verließen, nicht im Tiefsten
ihres Antriebes recht, die Enge ihres Landes zu fliehen? Musste
eine Phänomenologie des Burgenbürgerlandes … nicht
zwangsläufig in die Erkenntnis münden, dass alles, aber
auch schon alles, was man hier erfunden hatte, anderswo längst
erfunden war? Dass alles, was man für wichtig und heilig hielt,
überall anderswo noch wichtiger und noch heiliger war? Oder
längst schon nicht mehr wichtig und heilig? … Aber ist
das nicht nur die paradoxe Enge eines Korsetts, das der Mensch braucht,
um in ihm den erweiterten Ausblick auf ein Existieren im Möglichen
und – mehr noch! – im Unmöglichen zu finden? Und
wieder andererseits, die neuen Zeiten würden so oder so auch
einmal im Burgenbürgerland ankommen und es verändern.“
Ein Buch voll skurriler Szenen und Bilder, ein Buch mit Ironie und
tieferer Bedeutung.
Bücher Peter Wagner
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