Peter Wagner:
Tetralogie der Nacktheit
4 Stücke
edition lex liszt 12, Oberwart, 1995. 205 Seiten.
ISBN 3-9500-1859-X

Das Zimmer der Stadler vis á vis.
Der Blinde
Ziehharmonikaspieler sitzt am Fußende des Bettes,
in dem sich Podezin und die Stadler - nicht sonderlich lustvoll
- vergnügen. Die Melodie ist rasend. Und bricht jäh ab.
STADLER ... bleib! Bleib!
Er erhebt sich, zieht die Hose hoch.
Geht mit nacktem Oberkörper
ans Fenster, öffnet es, raucht. Greift nach seiner Pistole und
kontrolliert das Magazin.
STADLER Immer, wenn du die Pistole
so in den Händen drehst,
hast du etwas vor. Was hast du vor, Podezin? Es hat mit dem Transport
zu tun, ich spüre es.
PODEZIN Nein.
STADLER Es hat. Aber ich werde nicht mehr fragen. Denn
es hat auch mit ihr zu tun. Mit ihr und ihrem Fest!
Podezin raucht.
STADLER Du denkst unentwegt an sie. Selbst wenn du mit mir schläfst,
denkst du an sie. Denkst an den Geruch ihres Haares. An ihre Augen.
Ihren Mund. Ihren Gazellenhals.
PODEZIN Ich denke an gar nichts. Es
ist das höchste Glück
eines Menschen, an gar nichts zu denken.
STADLER Du würdest gerne
an nichts denken. Aber es gelingt dir nicht. Du denkst unentwegt
an sie, unentwegt. Unentwegt. Ich habe dich noch nie so krank gesehen,
Podezin. Der Chef der Gestapo! Es sollte dich jetzt einer so sehen,
wie ich dich sehe!
Der Blinde Ziehharmonikaspieler erhebt sich.
PODEZIN Sitzenbleiben!
Der Blinde Ziehharmonikaspieler setzt sich wieder. Intoniert
eine zarte Meldodie. Es ist das Heidenröslein. Podezin hört
ihm eine Weile zu. Dann schmeißt er Stadler die Unterwäsche
ans Bett.
PODEZIN Es ist Zeit!
STADLER Du wirst alles tun, um sie niederzuzwingen.
Du denkst ja in einem fort nur darüber nach, wie du es anstellen wirst. Das
ist deine Form der Liebe, das hat sie gut erkannt. Du müsstest
herrschen über sie. Du müsstest ihr den Willen brechen,
wie du ihn mir gebrochen hast. Aber du kannst nicht. Diesmal ist
es umgekehrt. Wie ich dir das vergönne!
Podezin setzt die Pistole an ihre Stirne.
STADLER Ich sehe, Podezin, du bemühst dich ja auch, ihr zu
entsprechen! Du trägst keinen Widerstand mehr in dir. Du hast
dich verloren. Und einen Augenblick hast du sogar daran gedacht,
ob es nicht doch sinnvoll wäre, jetzt abzudrücken. Mich
zu opfern. Mich aus dem Weg zu räumen. Aber ich wäre nur
ein Hindernis unter vielen Hindernissen. Das größere Hindernis
bist du selbst. Es ist alles so lächerlich, was du unternimmst,
um dieser Frau zu genügen. Noch mag es ihr gefallen. Noch mag
sie dich für den gefürchteten Podezin halten. Noch mag
sie daran glauben, dass du sie selbst noch unter den Gewitterblitzen
aus dem Osten nehmen wirst. Aber sie wird nach mehr verlangen, weil
es ihr Recht und Wille ist, zu verlangen. Und schon lange nicht mehr
deiner. Heute Nacht wird sie wieder danach verlangen. Komm, mein
Lieber, drück ab. Wenn du dich traust. Du hast so viele Menschen
weggeblasen mit einer kleinen Bewegung deines Zeigefingers, ohne
mit der Wimper zu zucken. Du wirst doch jetzt keine Skrupel haben.
Ich bin nur die Stadler. Und es erwartet dich immerhin eine Gräfin
heute Nacht! Er entsichert die Pistole. Heute Nacht schon
wird sie sehen, was ich schon lange sehe. Und was auf Dauer keiner
Frau verborgen bleibt: das Kind. Das kleine Kind. Diese Frau ist
dir einfach um eine Nummer zu groß, du Kind. Und nicht nur
diese.
Podezin steckt die Pistole ein. Setzt sich ans Bett. Streicht
der Stadler über die Wange und knallt ihr schließlich
eine mitten aufs Auge.
Während er nach dem Hemd greift, nähert
sich Oldenburg.
OLDENBURG Ich suche die Sekretärin Stadler.
PODEZIN Ist im Augenblick
verhindert.
OLDENBURG Die Gräfin lässt fragen, was für
ein Kleid sie heute Abend tragen wird.
PODEZIN Ein blaues. So ein
halbwegs veilchenblaues. Von den Titten abwärts bis zu den Knien. Und die Haare geöffnet.
Wie eine Frau.
OLDENBURG Ich danke für die Auskunft.
Oldenburg verschwindet wieder.
PODEZIN ihm nachrufend. Keine Ursache, Herr Verwalter!
Podezin zieht sich das Hemd über, knöpft es zu und
steckt es in die Hose.
Aus: "März. Der 24."
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Gespräch zwischen Peter
Wagner und Eduard Erne über den Film „Totschweigen“

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