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Textauszüge „Ein Leiser Abend über den Krieg“
und ein Interview mit Paul Grosz über die Schändung
des Jüdischen Friedhofs in Eisenstadt
Was ist das?
Ist das unser Hass?
Ist das unsere Angst?
Ist das unsere Verbitterung?
Ist das unsere Dummheit?
Ist das unser Ende?
Ist das unser Tod?
Was ist das?
Katalin Dienes, 15

Sie kommen wieder
es hält sie keiner auf.
Mein Leben ist sicher
- doch – sie kommen wieder
Verachten sie auch Angst und Drohungen
ihr Heranrücken ist nicht aufzuhalten
Menschen hüpfen auf den Straßen
bis diese schmelzen
bis sie zu Tode stürzen
und beginnen Feuer zu fangen.
Stehe ich hier und sehe,
dass sie niemanden mehr auf die Brücke lassen,
um zu jubeln.
Will nicht auch ich auf die Brücke
jubeln?
Barbara Hodits, 17

Hinter anerkanntem Lächeln versteckst du deine Messer
glücklich sind ei tausend toten Kinder in deinen Armen
so wie du bei diesen Einschaltquoten.
Mit Schritten voller Würde zermalmst du kranke Körper
und preist den Tod als aktuelle Eigenschaft.
Leergefressen von unseren Zukunftsängsten überpinselst
du das Heute und schluckst unter internationalem Beifall
die Gifte der Verlierer.
Hungernde Bäuche kleidest du in Auslaufmodelle für Schwangere.
Im Rhythmus der Gefälligkeiten krepierst du ohne Laster
und selbst in deinem Grab verseuchst du noch das Wasser.
Töten können werde ich dich wahrscheinlich nie,
aber füttern können wirst du mich nicht.
Jan-Stefan Ari, 18

im meer der ewigkeiten schwimmend
vom blut der toten gut gewärmt
einzig das DAS
rnd nicht das wie
bestimmt der wärme wichtigkeit
am tor des lebens
in allzu grelles licht getaucht
erscheint die seele eines menschen
aus brüchigem sandstein aufgebaut
der kuss der liebe lässt sie brechen
enthüllt was lange sie bewahrt
ein feuerball aus reiner hitze
der der liebe henker war.
Markus Luisser, 17

Es ist dunkel
irgendwo ganz weit hinten
beginnt ein kleines licht zu glimmen
es flackert auf
wird größer, und alle freuen sich
es brennt und immer mehr fällt ihm zum opfer
aber es muss ja so sein
sie haben es nicht anders verdient
und froh darüber ruhst du dich aus
und als du erwachst
bist du umgeben von den flammen
die deine freunde legten
Eveline Stumpfel, 16
Alle Rechte auf die Textet bei den Autoren.

Die 80 Grabsteine sind nicht weltbewegend.
Sondern der Haltungsfehler
der anderen politischen Gruppierungen.
Der Neonazismus tritt immer ungenierter auf. Worauf führen
Sie das zurück?
Paul Grosz
Es scheint so zu sein, dass man sich nach zwei Generationen
dagegen wehrt, dass man nicht das Recht hat, es für etwas Erstrebenswertes
zu halten, ebenso brutal, rechtsradikal und polizeiordnungsliebend
zu sein wie damals. Menschen sind offensichtlich trotz ihrer angeborenen
Lernfähigkeit nicht bereit zu lernen, nicht von fremden Fehlern,
sie lernen auch nicht von eigenen Fehlern.
Hat es nach der Eisenstädter Friedhofsschändung
eine Demonstration gegeben?
Na ja, das waren eher private Manifestationen des Mitgefühls,
der Solidarität…
Das ist schön, aber eine öffentliche Demonstration
hat ein anderes Gewicht, nicht?
Das hat’s nicht gegeben, bedauerlicherweise. In Österreich
gibt es die Tendenz, so etwas herunterzuspielen, weil man glaubt,
dass es möglicherweise eine negative Reaktion im Ausland wachrüttelt.
Es ist doch genau umgekehrt…
Ja, natürlich. Das ist etwas, womit wir in Österreich
große Schwierigkeiten haben. Jede Kritik gilt als Denunziation.
Nestbeschmutzung.
Nestbeschmutzung. Das ist eine Grundhaltung, die ich nicht ablehne,
weil ich sozusagen zum Kreis der potentiellen Opfer gehöre,
sondern die ich ablehne, weil sie falsch ist.
Der Friedhof ist in der Nacht zum 31. Oktober geschändet
worden.
Von Freitag auf Samstag, irgendwann in der Früh. Um halb
acht etwa hat eine Nachbarin das gesehen und hat es der einzigen
jüdischen Familie, die noch im Burgenland lebt, mitgeteilt,
und gegen 8 Uhr war’s der örtlichen Polizei bekannt;
dann irgendwann vormittags, nicht sehr rasch, um 10 oder 11, wurde
es auch nach Wien mitgeteilt.
Wann haben Sie davon erfahren?
Ich hab’s durch’s Fernsehen am Abend erfahren.
Waren Sie nicht erreichbar oder hat Sie niemand informiert?
Es hat mich niemand informiert. Es war ein Sabbat, und man wollte
mich nicht in meiner Sabbatruhe stören, vielleicht. Vielleicht.
Jedenfalls, irgendwann um 10 oder 11 Uhr war es auch der Zentrale
der Staatspolizei bekannt. Um 14 Uhr hat die APA eine Meldung herausgegeben,
um 16 Uhr gab’s die ersten Nachrichten im Radio, und dann
wurde es im Fernsehen um 18 Uhr mit ersten Bildern gezeigt, und
ich hab’s um 19 Uhr 30 in den Abendnachrichten gehört.
Anschließend ist mein Telefon wie toll gelaufen, Mitglieder
der Gemeinde haben angerufen. Die Leute hätten eigentlich
erwartet, dass irgendjemand – der Bürgermeister, der
Landeshauptmann, der Bundespräsident, der Kanzler – dass
also die moralischen Instanzen den Mund aufg’macht hätten.
Die erste Wortmeldung war die vom Generalsekretär Meischberger
von der FPÖ am Sonntag. Der hat im wesentlichen g’sagt:
Wir waren’s nicht, oder wir lehnen das ab.
Er hat doch auch schon gesagt: Das waren irgendwelche Linke,
die der SPÖ nahe stehen und die das Ausländervolksbegehren
in Misskredit bringen wollen.
Ich glaub’, das war dann der Haider.
Wollen Sie diese Einschätzung kommentieren?
Das erübrigt sich, das zu kommentieren. Was kann ich dazu
sagen? Da fallt ma nix ein dazu. Um 14 Uhr am Sonntag haben wir
dann über Radio erfahren, dass der Präsident des Nationalrates,
Fischer, eine Erklärung abgegeben hat, die darin gegipfelt
hat, dass er sprachlos ist hinsichtlich dieser Sache, was für
mich einiges erklärt. Die achtzig Grabsteine sind nicht weltbewegend.
Schrecklich, abzulehnen, dumm, feig, alles; aber es bewegt die
Welt nicht, wie sich herausgestellt hat. Was die Welt bewegen sollte,
ist der Geist, der dahinter steht. Das hätte einer Reaktion
bedurft, wie sie in Frankreich vorexerziert worden ist, als dort
ein jüdischer Provinzfriedhof devastiert worden ist. Da sind
Hunderttausende über die Champs-Elysées gezogen, der
Ministerpräsident und der Präsident Mitterand an der
Spitze. Wenn das aber so über Tage geht, zerfleddert das.
Dass es den Leuten auf die Nerven geht, das stückerlweise
immer zu hören, das versteh’ ich sehr gut. Das ist genau
die falsche Art und Weise, Leute dagegen zu beeinflussen.
Für eine wie reale Gefahr halten Sie den, wie Sie sagen,
der dahinter steht?
Ich kann das so nicht beantworten, aber ich kann was anderes sagen.
Wenn man so wie ich die dreißiger Jahre erlebt hat, dann
hat man jetzt Déjá-vus. Unlängst sagt mir einer
(über den Rechtsradikalismus, vergleichend zu Deutschland):
Na ja, aber in Österreich kann das net passieren. Sag’ ich:
Um Gottes Willen, sagen S’ man das net, genau das, mit diesen
Worten, hat mein Vater im 35er, im 36er Jahr gesagt, als die ersten
jüdischen Flüchtlinge aus Deutschland gekommen sind.
Es gibt eine gewisse Überdeckung dessen, was sich damals bewegt
hat, und was sich heute bewegt. Es gibt natürlich auch Riesenunterschiede,
die ökonomische Lage. Aber die irrationalen Ängste und
Emotionen, die hier zum Tragen kommen, können sehr leicht
ausgenützt werden von jedem politischen Rattenfänger.
Claus Peymann hat in diesen Tagen gesagt: Jetzt gibt es ein Volksbegehren
gegen die Ausländer, demnächst wird es vielleicht
eins gegen die Juden geben – befürchten Sie das?
Nein, ich befürchte das nicht, aber das allein macht mich
noch nicht ruhig schlafen. Eine Situation, in der derlei in die
Nähe der Realität rückt, ist kaum beruhigend. Auf
Juden veranlassen könnten, sich zu fürchten (das ist’s,
was Sie fragen): Wir sind ebenso wie alle Menschen von irrationalen
Emotionen beeinflusst…
Das ohnehin. Aber das Volksbegehren gegen die Ausländer
ist nicht irrational. Das ist eine Tatsache.
Das ist die Tat eines Einzelnen.
Eines Einzelnen, dessen Name auf einem der jüdischen
Gräber in Eisenstadt gestanden ist.
Ja, ich will das nicht verharmlosen, aber man kann daraus natürlich
auch nicht schließen…
… dass die FPÖ vorhätte, ein Volksbegehren
gegen die Juden zu machen, das ist schon klar. Nur, für
mich war die Reaktion von Meischberger und Haider auf eine erschreckende
Weise bezeichnend, weil sie den selben Zusammenhang herstellen
wie Peymann, freilich mit der umgekehrten politischen Intention.
Die Freiheitlichen knüpfen zwischen der Friedhofsschändung
und ihrem Volksbegehren zwar nur die Gedankenverbindung: Des
ham die bösen Linken g’macht, damit wir diskreditiert
werden; aber erschreckend genug: Auch die sehen sofort einen
Zusammenhang, wenn sie es auch auf eine etwas verquere Art verraten.
Ja, da kann ich Ihnen nur zustimmen, dass solche Überlegungen
legitim sind. Andererseits, so sehr ich in meiner Grundhaltung
pessimistisch bin, bin ich als Präsident der Israelitischen
Kultusgemeinde doch verhalten, so zu tun, wie wenn es keine Bedrohung
gäbe. Das heißt, die Strukturen, die wir aufbauen, sind
für eine größere Gemeinde groß genug, und
was wir hier in Wien in die Stadt investieren, ist mehr als nur
das Minimum – sagen wir, wir rechnen damit, dass wir integriert
bleiben.
Es ist ja auch noch keineswegs darüber entschieden, ob
sich diese politische Linie der FPÖ durchsetzen wird.
Also, da hab’ ich keine Illusionen, und zwar weil ich auch
da eine grundlegenden Haltungsfehler der anderen politischen Gruppierungen
sehe. Wenn einem zu dem Volksbegehren über Tage und Wochen
nichts Besseres einfällt, als zu sagen: Des hamma schon alles
gemacht und noch mehr; dann heißt das, das war notwendig.
Also ist das, was der da verlangt, vernünftig. So ist die
Situation entstanden, dass der Herr Haider in seinem Motivenbericht
an die Öffentlichkeit (nämlich: wenn mehr als 30 Prozent
Kinder in einer Klasse sitzen, die nicht Deutsch als Muttersprache
haben, werden Analphabeten herauskommen, und ähnliches), dass
er damit sein Vertrauen in die Vernunft, in die politische Einsicht
der österreichischen Bevölkerung ausgesprochen hat, das
wird so empfunden; während alle anderen in ihrer panischen
Angst, die deutlich zu sehen ist, die österreichische Bevölkerung
in den Status von Unmündigen heruntersetzen, die nicht imstande
sind, diese unfaire, demokratiepolitisch falsche Rattenfängerei
abzulehnen. Statt dass man ihnen sagt: Wir vertrauen in euch, weil
ihr das durchschauen werdet, sagt man ihnen: Wir ham Angst, dass
ihr zu dumm seid, um das zu sehen, deshalb sagen wir euch lieber:
Wir sind’s, wir ham das eh schon besser gemacht. Und darum
ist es für mich nicht gehoben und gelegt, dass da nicht was
Böses rauskommt. Die Wahrheit ist, dass Österreich als
Demokratie viel gefestigter ist, als man annehmen müsste,
wenn man diese Reaktionen auf das Volksbegehren sieht. Ich hoffe
zumindest, dass das so ist. Wenn aber die Beurteilung richtig ist,
die da zum Ausdruck kommt: Na servas, Österreich.
P.S. zur Klarstellung:
Die neuen Juden
Nein, ein Volksbegehren gegen die Juden wird die FPÖ gewiss
niemals anzetteln. Erstens glaube ich, dass auch die Freiheitlichen
aus der Geschichte des mörderischen Antisemitismus gelernt
haben. Zweitens kann man heute mit judenfeindlichen Parolen keine
Massen mehr mobilisieren. Drittens sind die neuen Juden die Ausländer,
schon um davon abzulenken, wird man jeden Anschein, man hätte
etwas gegen die eigentlichen Juden, vermeiden. Allein, die Verwandtschaft
zwischen einer Politik gegen die Ausländer und einer solchen
gegen die Juden spüren nicht nur Haider und Meischberger,
Peymann und ich; sie spüren auch Vandalen wie jene, die in
Eisenstadt am Werk waren.
Die Reaktionen der beiden Granden der FPÖ verraten vielleicht
sogar einen Rest von Unrechtsbewusstsein; ihre Politik ermutigt
jedoch, das zeigt die „Sieg Haider“-Schmierage, die
gänzlich Gewissenlosen, die sich weigern, aus der Vergangenheit
irgendetwas zu lernen. Sie sind für die neuen Juden bereits
lebensbedrohlich; bei den Juden selbst beschränkten sich die
Nazis vorerst darauf, Friedhöfe zu entweihen. Gott soll nicht
eine hüten vor allem, was noch ein Glück ist.
Robert
Schlesinger GESCHRIEBENSTEIN
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