|
 |
 |
Das Märchen der
Musik - Urtext
von Peter Wagner
Textzyklus 1986
1
Es war einmal eine Birke.
Der Wind blies in ihre Krone, so sehr,
dass das Rascheln der Blätter
eine Heuschrecke weckte.
Diese war von ihrer langen Reise müde
geworden
und auf einem Grashalm eingeschlafen.
Jetzt erst bemerkte sie, dass
der Grashalm
während ihres Schlafes abgebrannt war.
Auch ihre Füße
waren verkohlt.
Der Wind aber blies ihren Fluch
in die Blätter der Birke
und ihr Rascheln legte sich wie ein
Teppich
über den verbrannten Acker,
unter dem dieser neue Blüten
und neue Gräser auszutreiben
begann ...
2
Es war einmal ein Riese.
Er stapfte gewaltigen Schrittes
aus einem Traum heraus und kam in
den Wald.
Sein betrunkenes Lachen verschreckte die Rehe,
seine Stiefel zerbrachen
die Kiefern und Tannen,
zertraten das wuchernde Geäst,
verwüsteten die Nester des Phönix.
Wo er ging, hinterließ er
eine Spur im Wald.
Man nannte sie den „Kreuzzug des Riesen“.
Wer sich die
Mühe macht,
ihr zu folgen,
der kommt direkt ans Meer.
Dort war der betrunkene Riese
zielstrebig hinein gewatet in der Hoffnung,
in einen neuen Traum zu
geraten.
Erst das Wasser des Meeres
ließ sein betrunkenes Lachen für
immer verstummen ...
3
Es war einmal eine Träne,
die fiel auf den Rücken einer
Hand.
Dort zerrann sie.
Die Hand aber griff nach einer Blume,
köpfte sie
und zerfiel zu Staub ...
4
Es war einmal eine Maschine,
die hatte eine Idee.
Sie bat einen ganzen Ameisenhaufen zum Tanz.
Die Maschine und die
Ameisen tanzten
sechs Tage und sechs Nächte.
Als die Maschine am siebten Tag
ruhen wollte,
um sich auszurasten,
merkte sie, dass sie nicht mehr ruhen konnte.
Die Ameisen hatten Besitz
ergriffen von ihr
und es war das Gesetz der Ameisen,
auch am siebten Tage zu tanzen.
So kam die Maschine nimmer zur Ruh.
Täglich träumte sie
vom siebten Tag,
doch sobald sie angefangen hatte zu träumen,
riss ein neuer Schwarm
von Ameisen
sie in einen neuen Tanz hinein.
Wer wirklich lauschen kann,
hört heute noch die Schreie der Maschine
aus dem ganzen großen
Ameisenhaufen heraus ...
5
Es waren einmal zwei Elstern,
die liebten einander im Fluge.
„Der klebrige Staub auf unseren Flügeln“,
sagten
sie, „ist nur eine Täuschung.
In Wirklichkeit sind wir
frei.
So frei wie zwei Elstern,
die einander im Fluge lieben.“
Als sich der klebrige Staub auch
auf ihre Augen legte,
schlossen sie diese und sagten fortan,
dass ihre wahre Freiheit die
Nacht sei.
Sie vergaßen, einander im Fluge zu lieben.
Und sprachen nur
noch von der Nacht.
„Der Tag ist eine Lüge“,
sagten sie,
und flohen erschrocken vor jedem,
der etwas anderes behauptete ...
6
Es war einmal eine Schere,
die machte schnipp-schnapp.
Nachdem sie allen Bäumen die Wipfel
abgeschnitten hatte,
begann sie einen großen Trauergesang
und starb aus Gram über das Unglück
der Welt ...
7
Es war einmal eine Spinne,
die wob für ihren Geliebten ein Netz.
Die tönenden Schwingungen der Fäden
sollten ihn anlocken
und betören.
Als sich der Geliebter im Netz verfangen hatte,
wurde er taub von
den vielen zärtlichen Schwingungen.
Und er hörte auch nicht
mehr die Liebesworte der Spinne.
Da fraß sie ihn auf.
Mit einem Mal waren auch
die tönenden Schwingungen verschwunden.
Seitdem schlagen schwere
Betonhämmer
auf das Netz ein,
reißen riesige Löcher in das Geflecht,
und die Spinne hat
alle Beine voll zu tun,
sie immer wieder zu flicken,
während die Betonhämmer bereits neue Löcher
in das
Gewebe schlagen.
Das aber haben ihr die Betonhämmer verheißen:
Wenn du tausend
Jahre flickst,
wird dein Geliebter wiederkehren
und die tönenden Schwingungen zurückbringen!
Freudig sehen
wir die Spinne
an ihrem unendlichen Netz weben und spinnen und flicken,
denn sie
weiß nun,
daß ihr Geliebter nicht verloren ist.
Und seht nur,
langsam werden die Betonhämmer brüchig ...
8
Es war einmal ein Presslufthammer,
der brach aus aus dem Zirkus,
in dem Jahrzehnte lang sein Gastspiel
gegeben hatte.
Er kam an eine Straße, auf der Tag und Nacht
große schwarze Autos mit Anhängern
fuhren.
Vergeblich versuchte er, ein Auto an zu halten.
Er kletterte die Böschung zur Straße
hinunter,
schleppte sich durch endlose Weizenfelder,
grüßte die im
Wind wackelnden Maisfahnen
und kam an einen Bach.
Er legte sich ans Ufer und schlief ein.
Zwei kranke Forellen weckten
ihn:
„Hol uns aus dem Bach heraus“,
zirpten sie den Presslufthammer
verzweifelt an,
„das Wasser des Baches ist krank,
darum sind auch wir krank!“
Der Presslufthammer strengte sich
gewaltig an,
doch sosehr er sich auch bemühte,
es gelang ihm nicht, den kranken
Forellen zu helfen.
Sobald er sie aus dem Wasser geholt hatte,
schrien sie auf: „Gib uns schnell zurück
ins Wasser,
ohne Wasser können wir nicht leben!“ So ließ er sie wieder zurück
gleiten ins Wasser,
von dem sie krank waren.
Dann aber schrien sie wieder:
„Nimm uns aus dem Wasser, es macht
uns krank!“
Und weil er ihnen nicht helfen konnte,
starben die beiden Forellen.
Der Bach aber brachte immer neue Forellen
herbei,
und der Presslufthammer war Tag und Nacht damit beschäftigt,
die
kranken Forellen aus dem Bach zu fischen
und sie wieder hinein gleiten
zu lassen.
Eines Tages soll er plötzlich
von der Erdoberfläche verschwunden
gewesen sein.
Wenn Ihr ganz lange euren Kopf in den Bach steckt,
hört ihn von
Ferne leise stottern.
Stört ihn nicht!
Er erzählt den Forellen zum Trost für
ihre Krankheit
die Geschichte seines Leben.
Die damit begonnen hatte,
dass er eines Tages aus dem Zirkus ausgebrochen
war ...
9
Es waren einmal vier kleine Kätzchen.
Die schnurrten für
ihr Leben gern.
Vor ihren Nasen liefen die Mäuse auf und ab.
Sie wollten spielen
mit den Kätzchen.
Diese ließen sich jedoch nicht stören.
„Mäuse fangen ist keine Kunst“,
sagten sie,
„aber sein Dasein einer Sache zu verschreiben und
zu weihen,
das ist die Höhere Freiheit des Lebens.
Wir leben für die Höchste aller Künste,
für das
Schnurren.“ Da die Kätzchen keine Zeit für andere
Dinge
verschwenden wollten,
magerten sie bald ab bis auf das Skelett
und starben an Unterernährung.
Die Mäuse brachten sie zu
Grabe und
veranstalteten ein großes Gelage
zu Ehren der vier Kätzchen.
Der Mäusekönig aber ließ sich
von seinem Mausevolk
einen Tempel erbauen:
War er es doch gewesen,
der die vier Kätzchen
von der Höheren Freiheit des Lebens überzeugt
hatte:
von der Kunst des Schnurrens ...
10
Es war einmal ein Vulkan.
Der sprach von sich:
„Ich bin alt,
mein Lebenswerk ist vollbracht.
Alles, was ich geben kann,
ist nur noch eine Nachlese.“
Als er ausbrach,
erzitterte die Welt
und fürchtete sich sehr ...
11
Es war einmal ein Märchen,
das fand kein Ende.
Da begann es, den langen Faden seiner Geschichte
aufzurollen,
bis der so entstandene Ball so groß war wie die
Erde.
Auf diesen Ball lud sie alle ein,
die ihr auf ihrer Reise begegnet
waren:
die Birke, die Elstern, die Ameisen, die Maschine,
den Riesen, die
Schere, die Träne, den Vulkan,
den Presslufthammer, die vier
Kätzchen,
die kranken Forellen und den Mäusekönig.
Auf ihrer riesigen
Fadenkugel schwebten sie durch das All,
entfernten sich immer weiter
von der Erde,
bis diese winzig klein war.
Und das war gut so.
Denn das Märchen hatte eine kleine Stubenfliege
auf der Erde
zurückgelassen,
vielleicht auch nur aus Unachtsamkeit vergessen.
Diese flog hin und
her und setzte sich irgendwann
erschöpft auf einen Knopf.
Daraufhin explodierte die Erde
und verwandelte sich in einen Haufen
aus Stein.
Doch davon bemerkten das Märchen und seine Reisenden
nichts mehr.
Sie waren schon zu weit weg ...
12
Es war einmal ein Märchen.
Das hieß Musik ...
Märchen Peter Wagner
|
 |
 |
 |
|
  |