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Textauszug
„Burgenland.
Eine Farce“
von Peter Wagner
BILD 1: GRENZE
Zwei Grenzsoldaten mit verzerrt rot-weiß-roten Armbinden.
Auf einer Bank an einer Waldlichtung. Der Mond hängt über
ihnen. Ihre Gewehre lehnen an Bäumen, die aus Kunststoffabflussrohren
bestehen. Sie essen Knackwurst. Schneiden das Brot mit Messern. Wischen
die Messer zuerst an den Ärmeln ab, dann am Drillich der Hose.
Klappen die Messer zu. Stecken sie ein. Rülpsen. Soldat 1 bietet
Soldat 2 eine Zigarette an. Dieser entwickelt aus der ablehnenden
Geste seiner Hände ein pantomimisches Spiel, das später
in das Wort „ver-rückt“ mündet. Soldat 1 entfacht
ein Streichholz. Raucht.
SOLDAT 1: So ruhig.
SOLDAT 2: Überaus ruhig.
SOLDAT 1: Was hast du gesagt?
SOLDAT 2: Hab ich was gesagt?
SOLDAT 1: Ja, du hast etwas gesagt.
SOLDAT 2: Ich hab etwas gesagt?
SOLDAT 1: Ja, ich habe dich laut und
deutlich etwas sagen gehört.
SOLDAT
2: Was hast du mich sagen gehört?
SOLDAT 1: Ich habe gehört, wie du gesagt hast: überaus
ruhig.
SOLDAT 2: Überaus ruhig?
SOLDAT 1: Ja, du hast gesagt: überaus
ruhig.
SOLDAT 2: Überaus ruhig. Verrückt!
SOLDAT 1: Psst! (Beide horchen gespannt.)
SOLDAT
1: Hörst du etwas?
SOLDAT 2: Alles ruhig wieder.
SOLDAT 1: Ja. Sehr ruhig.
SOLDAT 2: Wahnsinnig ruhig.
SOLDAT 1: Wahnsinnig?
SOLDAT 2: Ja, irrsinnig.
SOLDAT 1: Irrsinnig?
SOLDAT 2: Ja. Ver rückt.
SOLDAT 1: Du hast schon wieder verrückt
gesagt. Bereits zum zweiten Mal.
SOLDAT 2: Speckknödel. Das wär jetzt was. Ver-rückt.
SOLDAT
1: Schon wieder!
SOLDAT 2: Ver-rückt.
SOLDAT 1: Ver-rückt. Was?
SOLDAT 2: Dass alles so ver-rückt
ist.
SOLDAT 1: Auch wieder wahr.
SOLDAT 2: Verrückt.
SOLDAT 1: Ein schönes Wort.
SOLDAT 2: Verrückt.
SOLDAT 1 (dämpft die Zigarette aus): Wollen wir tanzen?
SOLDAT
2: Wir haben nichts zum Tanzen.
SOLDAT 1 (aufgewacht; übernimmt das pantomimische Spiel
der Hände von Soldat 2 das Wort „verrückt“ betreffend): Wir
haben das Wort „verrückt“. Das ist nicht nichts.
SOLDAT
2: Auch wieder wahr.
SOLDAT 1 (skandierend): Ver-rückt. Ver-rückt.
Ver-rückt.
SOLDAT 2 (ahmt ihn nach): Ver-rückt. Ver-rückt.
Ver-rückt.
Sie tanzen Arm in Arm nach dem rhythmisierten Wort „verrückt“.
Als das Wort im Echo wiederkehrt, ehe es sich allmählich wieder
im Wald verkriecht, werden sie hellhörig und gehen mit den Gewehren
hinter den Bäumen in Deckung. Der Enkel durchschreitet die Szene,
das Lied „Sohaljeva mati – Die Mutter meines Geliebten“ singend.
Er verschwindet wieder, indem er am Rande der Szene regungslos verharrt.
SOLDAT 1: Hörst du etwas?
SOLDAT 2: Ja.
SOLDAT 1: Was?
SOLDAT 2: Ich habe gehört, wie soeben einer gesagt hat: Hörst
du etwas? Und dann hat er noch gesagt: Was?
SOLDAT 1: Das hast du
alles gehört?
SOLDAT 2: Ja.
SOLDAT 1: Das ist nicht wenig.
SOLDAT 2: Du sagst es.
SOLDAT 1: Das ist sogar viel.
SOLDAT 2: Allerdings.
SOLDAT 1: Zu viel auf einmal.
SOLDAT 2: Was sollen wir tun?
SOLDAT 1: Eine Art akustische Fälschung.
Wahrscheinlich.
SOLDAT 2: Wahrscheinlich.
SOLDAT 1: Hier sagt nie jemand etwas. Hier
sagen nur wir beide etwas.
SOLDAT 2: Auch wieder richtig.
SOLDAT 1: Aus welcher Richtung kam
es?
SOLDAT 2 (schnuppert): Von dort.
SOLDAT 1 (schnuppert): Es
muß von dort gekommen sein.
SOLDAT 2 (schnuppert): Eher von dort.
Sie pirschen in die Richtung. Schnuppern. Trennen sich. Der
Enkel durchquert die Szenerie abermals. Dieses Mal spielt er das
vorhin gesungene Lied auf der Geige. Das Weiße Mädchen
mit den roten Haaren und dem grünen Kleid folgt ihm leichtfüßig
und unbemerkt. Der Enkel verschwindet, indem er am Rande der Szene
regungslos verharrt. Das Mädchen versteckt sich hinter ihm.
Soldat 1 und 2 kommen aus verschiedenen Richtungen zurück.
Treffen einander in der Mitte.
SOLDAT 1: Nichts. Und du? (Legt sich hin, blättert in einem
Micky-Mouse-Heft.)
SOLDAT 2: Ja. Jemand hat gesagt: Grüß Gott.
SOLDAT 1:
Grüß Gott?
SOLDAT 2: Grüß Gott.
SOLDAT 1: Grüß Gott! Was du immer hörst!
SOLDAT 2: Was
soll ich tun. Nämlich..
SOLDAT 1: Jedenfalls verdächtig.
SOLDAT 2: Jedenfalls verdächtig,
du sagst es.
SOLDAT 1: Sehr verdächtig.
SOLDAT 2: Wahnsinnig verdächtig.
SOLDAT 1: Wahnsinnig?
SOLDAT 2: Irrsinnig verdächtig.
SOLDAT 1: Irrsinnig?
SOLDAT 2: Verrückt verdächtig. Ver-rückt.
SOLDAT 1: Schluß damit,
heute wird nicht mehr getanzt. Ich mag nicht.
SOLDAT 2: Schade. (Zerlegt sein Gewehr.)
SOLDAT 1: Wir sollten ihm dennoch auf die Spur gehen.
SOLDAT 2 (desinteressiert): Gehen wir.
SOLDAT 1: Aus welcher
Richtung kam das Grüß Gott?
SOLDAT 2: Richtung? (Schnuppert, befeuchtet den Zeigefinger,
streckt ihn in die Luft.)
SOLDAT 1: Aha, jetzt habe ich es auch
gehört. Eindeutig: Grüß Gott.
SOLDAT 2: Grüß Gott?
SOLDAT 1: Schon wieder! Du hast es
eben gesagt: Grüß Gott!
SOLDAT 2: Grüß Gott? Du hast soeben Grüß Gott
gesagt!
SOLDAT 1: Da, da, du hast schon wieder Grüß Gott
gesat!
SOLDAT 2: Ich? Du!
SOLDAT 1: Wieso ich, du!!
SOLDAT 2 (ruhig): Hier sagt nie jemand Grüß Gott.
SOLDAT
1 (ruhig) Hier hat noch nie jemand Grüß Gott
gesagt.
SOLDAT 2: Hier wird auch nie jemand Grüß Gott sagen.
Merk dir das, ein für alle Mal. (Repetiert den Verschluß,
zielt in den Himmel.)
SOLDAT 1 (springt nervös auf,
legt das Gewehr auf Soldat 2 an): Ein für alle mal, du
auch!
SOLDAT 2 (stützt sich auf sein Gewehr): Wir arbeiten
zu viel.
SOLDAT 1 (setzt sein Gewehr ab): Gut möglich.
SOLDAT
2: Wir sollten Urlaub machen.
SOLDAT 1: Scheinst deine Aufgabe nicht
allzu ernst zu nehmen.
SOLDAT 2: Ich habe das Grüß Gott gehört, nicht du!
Nämlich.
SOLDAT 1: Jaja. Wollte nur gemeint haben: Grenze bewachen
ist nicht so einfach.
SOLDAT 2: Übrigens, was wirst du gemeint haben: Sichern wir
die Grenze nach Norden, Osten, Süden oder Westen?
SOLDAT 1 (schnuppert): Blöde
Frage.
SOLDAT 2: Hab ja nur gefragt. Nämlich.
SOLDAT 1: Wieso sagst
du immer „nämlich“?
SOLDAT 2: Mir fällt nichts
anderes ein.
SOLDAT 1: Was hast du gesagt?
SOLDAT 2: Nichts.
SOLDAT 1: Ruhig wieder.
SOLDAT 2: Ja. Sehr.

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