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"Die Eiserne Grenze"

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Textauszug

„Die Briefeschreiberin“

Von Peter Wagner

 

 

ANNA: Wann wird sie es ihm sagen?

PAULA: Was?

ANNA: Die Geschichte mit den Briefen. Dass sie sie gar nicht selbst geschrieben hat.

PAULA (kommt zurück): Die Briefe hat sie selbst geschrieben. So wie du deine Briefe geschrieben hast und Emma ihre.

ANNA: So, wirklich?

PAULA: Ihr habt die Briefe mit eurem Namen unterzeichnet, also habt ihr sie auch geschrieben.

ANNA: Ich kann mich gar nicht mehr erinnern, was da eigentlich drinnen gestanden ist. Was hab ich da eigentlich unterschrieben? Irgendetwas Wichtiges wird es schon gewesen sein. Lasst Euch nicht erwischen vom bösen Feind, Ihr tapferen Krieger, wenn Ihr brav für Führer, Volk und Vaterland krepiert, warten auf Euch zu Hause die saftigsten Fotzen, die Ihr Euch vorstellen könnt! Oder so ähnlich.

PAULA: Du hättest dir die Briefe selber schreiben müssen, das ist leider nicht mein Stil.

ANNA: Wahrlich, dein Stil war um so vieles geschliffener, feiner, edler, du hättest nie ein vulgäres Wort verwendet, so was kennst du überhaupt nicht! Weißt du überhaupt, was das ist, eine Fotze? Wer keine hat, braucht sich auch nicht darum zu kümmern.

PAULE (leicht): Und wer keinen Stil hat, braucht sich um so etwas wie Stil auch nicht zu kümmern.

ANNA: Stimmt! "Auch wir Frauen, lieber Kaspar, stellen derweilen unseren Mann, während Ihr Euch mutig im Feld bewährt. Jetzt, wo Ihr fern der Heimat seid, müssen wir umso härter arbeiten, Tag und Nacht. Damit Ihr dereinst, wenn Ihr siegreich nach Hause zurückkehrt, blühende Felder, saubere Ställe, eine aufgeräumte Küche und ein gemachtes Bett vorfindet, in dem Euch Eure Frauen erwarten." Oder so ähnlich. Das ist Stil! Am Anfang hab ich den Schmarren ja noch brav abgeschrieben, Buchstaben für Buchstaben, denn Handschrift ist Handschrift. Allmählich hat es mich derart angewidert, dass ich deine Vorlage überhaupt nur noch unterschrieben hab, so wie du sie mir gegeben hast. Anfangs hab ich sie wenigstens noch überflogen, später nicht einmal mehr das. Es ist ohnehin in allen das gleiche drin gestanden. Aber wenn du denkst, das wäre dem guten Mann im Schützengraben überhaupt aufgefallen, dann irrst du. Nicht ein Wort davon in seinen Antworten, dass ihm meine Handschrift plötzlich etwas anders vorgekommen wäre, gestochen schön wie die einer Lehrerin. Und nicht wie die einer Fabrikarbeiterin, die Pulver in Patronenkapseln füllt. Ich mache dir keinen Vorwurf, Paula. Vielleicht ist das ein Fehler, und also wäre ich vielleicht geradezu verpflicht, dir einen Vorwurf zu machen. Dass du dich nämlich so schrecklich normal verhalten hast. Du hast an diesen Krieg geglaubt, die Menschen müssen an Kriege glauben, sonst gäb es sie nicht. Aber dass du nie auch nur einen Zweifel daran gehabt hast, dass es gerecht wäre, die halbe Welt vor die Schweine gehen zu lassen - vielleicht sollte ich dir das sehr wohl zum Vorwurf machen. So wie mir selbst.

PAULA: Wozu du so wenig Grund hast wie ich. Wir haben unsere Pflicht getan. Wir hätten uns den Sieg geteilt - nun teilen wir uns auch die Niederlage. Das alleine gibt der Niederlage überhaupt einen Sinn. Ich bin stolz darauf!

ANNA: Hörst du nicht, ich mache auch mir den Vorwurf!

PAULA: Welchen denn, welchen Vorwurf hätten wir uns zu machen?!

ANNA: Ich mache mir den Vorwurf, dass es vielleicht meine Pflicht gewesen wäre, meine Pflicht nicht zu tun. Da sind Millionen krepiert, und wir sind möglicherweise noch immer stolz darauf, nichts als unsere Pflicht getan zu haben, wir Frauen?!

PAULA: Im Nachhinein ist es so leicht, sich die Sichtweise des Siegers umzuhängen. Wie ein Lebkuchenherz, das man noch in derselben Nacht ans Fensterkreuz hängt - zu den vielen anderen, die man ebenfalls irgendwann einmal umgehängt hatte.

ANNA: Aber wann, wenn nicht jetzt, Paula, nachdem uns die Hölle noch einmal gnädig entlassen hat, wann wenn nicht jetzt wär es an der Zeit, uns auf die Wahrheit einzulassen! Zumindest auf einen kleinen Flirt mit ihr. Ach, ich weiß, was für ein hässliches Wort das schon wieder ist, es könnt ja ein veritables Liebesverhältnis daraus entstehen! Ich werde Kaspar jedenfalls die Wahrheit sagen! Ich werd ihn darüber aufklären, dass ich ihn jahrelang getäuscht habe, dass es nicht meine Worte waren, unter denen meine Unterschrift stand.

PAULA: Das wirst du ganz sicher nicht tun!

ANNA: Dass ich ihn mit einer Sprache betrogen hab, die nicht meine Sprache ist. Weil ich zu feig war für meine eigene!

PAULA: Ich erinnere mich sehr genau, wie du hier gestanden bist - beinahe verschämt, wie ich es von dir gar nicht gewöhnt war: Paula, schreib mir doch bitte auch meine Briefe, Sissi hat mir erzählt, wie wunderbar deine Briefe sind. Ich denke, du kannst sie sehr wohl auch selbst schreiben, hab ich damals geantwortet. Mein Gott, das arme Schwein an der Front, hast du daraufhin gesagt, er wartet auf jede Nachricht wie ein Verglühender auf etwas Regen. Wenn ich ihm sonst schon nicht helfen kann, dann soll er wenigstens ab und zu ein paar liebenswerte Zeilen kriegen. Die ein wenig über das hinausgehen, was ich ihm so schreiben würd. Und du kannst so etwas einfach besser formulieren als ich, Paula. Und wahrscheinlich ehrlicher.

ANNA: Das hab ich damals gesagt. Damals!

PAULA: Und ich habe damals geantwortet, so ferne du dich bitte auch daran erinnerst: Wenn du wirklich willst, dass ich es tue, dann tue ich es nur, solange du dich mit den Inhalten der Briefe identifiziert. Solange du ohne den Funken eines schlechten Gewissens behaupten kannst, die Briefe wären zu hundert Prozent von dir geschrieben. Wie du es ja auch mit deiner Unterschrift bezeugst!

ANNA: Ich erinnere mich daran. Na und?!

PAULA: Solltest du dich plötzlich an dieses Übereinkommen, das auf gegenseitigem Vertrauen beruhte, nicht mehr halten wollen, so wird der einzige, der betrogen worden ist, nicht Kaspar sein, sondern ich!

ANNA: Ich soll also diesen Mann im Glauben belassen, jedes einzelne Wort, das ihm das Schießen und das Sterben leichter machen sollte, wäre tatsächlich von mir gewesen? Heißt denn das, dass wir nicht einmal jetzt den Mut zur Ehrlichkeit haben werden?!

     (Paula hat Anna am Haar erfasst und zieht sie an einen der Spiegel.)

PAULA: Hab den Mut zur Ehrlichkeit, wie du deine kleinmütige Reue nennst, die man dir offenbar im Lager der Russen eingeimpft hat! Sei so ehrlich, dich der Unehrlichkeit, ja der Lüge zu zeihen! Wer wird dir in Zukunft noch etwas glauben, wenn du dir die so genannte Ehrlichkeit herrichtest, wie du sie gerade brauchst? Sei so ehrlich, blicke der Schande ins Gesicht. Aber an der richtigen Stelle, an der des Verrats - in dein eigenes Gesicht!

     (Anna bricht vor dem Spiegel zusammen.)

ANNA: Oh, Paula, wenn du wüßtest, wie ich dich hasse!

PAULA: Das tut mir am wenigsten weh. Wirklich schmerzt mich nur zu sehen, was aus dir geworden ist.

     (Maria kommt hinter dem Spiegel hervor. Lehnt sich an diesen.)

MARIA: Eine Schlampe? Eine verfluchte Schlampe?

     (Paula geht an den Schreibtisch und nimmt einen hastigen Schluck aus dem Flachmann.)

PAULA: Du ziehst dieses Kleid auf der Stelle aus. Oder du gehst mir heute überhaupt nicht mehr aus dem Haus! So lange diese Wilden in der Mühle hausen, wirst du solche Kleider nicht tragen! Ich bin nicht neugierig darauf, dass sie die ganze Nacht an die Fenster klopfen, wie bei all den anderen Gören. Die sich einbilden, sie müssten mit sechzehn in Stöckelschuhen über den Dorfplatz spazieren!

MARIA: Ich bin keine Göre mehr.

PAULA: Es ist mir egal, was du bist, du ziehst dieses Kleid aus, und wenn ich es dir eigenhändig runterreiße!

 

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Hörspiel „Die Briefeschreiberin“
 

 

 

 

 
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