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"Die Nackten"

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Textauszug

„Die Nackten. Ein Erlösungsdrama“

von Peter Wagner

 

HUBSCHMID (angewidert) Sich durch Massen von Fleisch zwängen. Versuchen zu vergessen, dass es nichts als Haut ist, nackte Haut. Sie unentwegt streifen. Haut, die irgendwie, mehr notdürftig als effektiv, Sammlungen von Knochen überdeckt. Unmöglich durchzukommen. Die Augen offen, aber innerlich geschlossen, nur an den Berührungen der Hände, der Ellenbogen, der Schultern, der Knie und Füße erkennen, dass man sich durch eine erdrückende Anzahl menschlicher Körper ... Sie werden mit uns in diesem Zimmer sitzen, an diesem Tisch, ihr Atmen, ihr Röcheln, ihr Geruch, in ein- und demselben Badezimmer mit uns, sie werden die Hände nach unseren Zahnbürsten ausstrecken, nach unseren Hand-tüchern, nach unserem Rasierwasser. Erregter werdend. Nach unseren Bademänteln, nach unseren Hautkremen, nach unseren Medikamenten, nach unseren Einlaufapparaten, nach unserem Toilettepapier, nach dem Überzug meines Bettes, sie werden in meinem Bett liegen, das Laken mit ihrem Schweiß beschmutzen! Wenn wir mit Panzern und Maschinengewehren in sie hineinschießen, verlieren wir das Gesicht, sagte er. Obwohl es eine starke Fraktion in der Regierung gab.

Bruno hat den Inhalt des Paketes von seinen Umhüllungen befreit. Er hält ein Panzerabwehrrohr in den Händen.

ANNA (kommt mit einer Reisetasche zurück) Das Haus bewegt sich, ich spüre es so deutlich. Was ist das, Bruno?

BRUNO Frag ihn!

ANNA Wozu soll das gut sein, was tut man damit? Nimmt ihn an der Hand. Wir werden es schön haben, wenn wir erst einmal draußen sind. Sie packt das Panzerabwehrrohr rasch wieder in die Verpackungsfetzen und schiebt es unter das Kanapee.

HELGA Es ist angerichtet. Für jeden ein halbes Stück Zwieback.

BRUNO (zu Franz Z.) Ich wollte Munition für ein ordinäres Gewehr, keine Kanone!

FRANZ Z. Was ist eigentlich der Unterschied zwischen einem ordinären Gewehr und einer Kanone? Treffen muss man mit beiden. Und beides lässt einem so etwas wie die Freiheit, abzudrücken oder nicht. Oder nicht?

GEYSING (schreit) Geht essen, alle! Du auch, Hubschmid. Geht schon, geht!

(Blackout)

 

4

Hubschmid erschrickt, als Helga aus dem Schatten tritt. Die Leiche des Hausmeisters stellt die vorerst erste Grenze zwischen ihnen dar.

HUBSCHMID Als wäre es ganz normal, dass er da liegt. Als wäre er immer so dagelegen.

HELGA Er ist immer so dagelegen. Nur hat ihn bisher niemand bemerkt.

HUBSCHMID Das verstehe ich nicht.

HELGA Ich wusste es vom ersten Tag an. In diesem Raum liegt ein Toter aufgebahrt. Ich spürte das Flair einer endlosen Verwesung, als ich ihn das erste Mal betrat. Es ist ein Zigeuner, er ist seit fünfzig Jahren tot.

HUBSCHMID Laufen Sie nicht davon, bleiben Sie! Sie laufen unentwegt davon vor mir. Sie haben Angst vor dem, was ich Ihnen sagen will.

HELGA Angst ist ein zu großes Wort. Und man verwendet es viel zu oft in diesen Tagen. Erst wenn man lacht, regiert die Angst. Noch ist es nicht so weit, seien wir froh.

HUBSCHMID Es ekelt Sie vor mir, meine Gegenwart ist Ihnen unangenehm.

HELGA Sie sind ein netter Mensch, sie plaudern so schön. Aber ich bin nicht frei für Sie. Ich bin frei für niemanden.

HUBSCHMID Das dachte auch ich, aber ich habe weitergedacht. Wie kann sie mit solcher Aufopferung eine alte Tyrannin pflegen, wenn sie nicht auch frei wäre für einen anderen Menschen, dachte ich.

HELGA Sie irren sich, Hubschmid. Ich pflege die alte Frau nicht, ich teile mit ihr. Sie ist der erste große Mensch, dem ich begegnet bin: eine Frau.

HUBSCHMID Weiter!

HELGA Als ich diese Wohnung das erste Mal betrat und den Leichengeruch verspürte, da wusste ich eines mit großer Gewissheit: Ich war im Haus einer Frau gelandet, die ihren Kampf gewonnen hatte. Deshalb bin ich auch heute noch hier. Ich pflege sie nicht, wie es scheinen mag, und schon gar nicht mit Aufopferung. Im Gegenteil, ich habe an etwas teil, wie ein Parasit.

HUBSCHMID Woran haben Sie teil, bitte verraten Sie es mir.

HELGA Ich lebe von der Freiheit einer Frau. Ich lebe von ihrer Freiheit, allen Illusionen entsagt zu haben.

HUBSCHMID Freiheit ist nur zu begreifen in Verbindung mit dem Begriff der Disziplin. Sagte er in einem seiner ersten Interviews. Das zu erkennen ist der wahre Fortschritt.

HELGA Kommen Sie her! (Hubschmid tritt zögernd ans Fenster.) Sehen Sie hinunter auf die Straße. Hier sind sie, damit sie uns vernichten. Damit sie alles vernichten, wovon wir glauben, dass es unser Leben ist. Das sind die, die wir waren, bevor er uns vertrieb in die Wüste und uns zwang, unsere Blößen zu bedecken. Wir müssen begreifen und akzeptieren, dass wir uns selbst näher sind, so wie wir wurden, als so, wie wir waren. Sehen Sie, Hubschmid, ich habe einen Priester geliebt. Er hieß Taddäus Wishniewski. Einen Mann Gottes. Ich nahm mir die Freiheit, einen Mann Gottes zu lieben, der nicht frei war, meine Liebe zu erwidern. Obwohl er krank war nach mir. Als alles vorbei war, musste ich erkennen, dass ich niemals einen Priester namens Taddäus Wishniewski geliebt, sondern einen Kampf gegen euren Gott geführt hatte.

HUBSCHMID (mit wachsender Panik) Wir dürfen jetzt nicht die Disziplin verlieren. Sagte er. Wir müssen kämpfen für die Freiheit. Sagte er. Jeder auf seine Art. Sagte er. Ich aus dem Exil. Und wenn Sie den Kampf an der Heimatfront vorziehen, Hubschmid, so kann ich nur sagen: Viel Glück, Kopf hoch!

HELGA Sie werden nie herauskommen aus Ihrer Sprache. Jeder verdient die Sprache, die aus ihm spricht. Es war dumm von Ihnen, nicht in den Hubschrauber zu steigen, Hubschmid.

HUBSCHMID(hält sich am Fauteuil des Toten fest, atmet schwer) Sie haben recht, ich war immer der ergebene Diener meines Herren, ich brauchte immer einen, der mir sagte, was ich denken sollte. Mein einziges Kapital ist der Gehorsam. Und die Treue. (Sinkt auf die Knie.) Lassen Sie mich Ihr Priester sein, ich flehe Sie an.

HELGA  Schämen Sie sich, sich so gehen zu lassen! (Sie hat sich von ihm losgemacht, er liegt  am Boden, die Hände zwischen den Oberschenkeln eingeklemmt.) Freiheit ist zuerst Disziplin. Dann erst wird sie auch ein Recht sein, das man sich nimmt. Noch haben sie kein Recht.

HUBSCHMID Verachten Sie mich, aber lassen Sie mich nicht alleine! Alle sind weg, alles ist fort, nichts ist mehr so, wie es war. Ich weiß nicht mehr, wo ich bin, wie ich heiße. Ich erkenne die Bedeutung der Worte nicht mehr, die eine fremde Gewalt aus meinem Körper zieht, als müsste ich sekündlich das Unheil gebären: einen Dämon, der nach mir gegriffen hat, eine plötzliche Freiheit, die mich vernichtet! Ich bitte Sie ...

HELGA Gehen Sie zu Tisch, Sie haben Ihre Portion noch nicht aufgegessen! Ungehalten. Ich habe gesagt: Gehen Sie zu Tisch! (Wieder kontrolliert.) Dann werden Sie eben hungrig bleiben.

HUBSCHMID (erhebt sich, putzt den Staub von den Kleidern) Verzeihen Sie. Ich habe mich gehen lassen. Sie haben mich gesehen, wie ich bin. Ich hoffe, Sie werden es nicht gegen mich verwenden. Verzeihen Sie noch einmal.

Hubschmid läuft mit der Aktentasche unterm Arm ins Eßzimmer. Helga ordnet ihr Haar und rückt die Stühle rund um den Tisch zurecht. Der Zigeuner hat der Szene die längste Zeit aus einer dunklen Nische heraus zugesehen. Tritt nun aus dem Schatten.

HELGA Lächerlich, nicht wahr, ein kniender Mann.

FRANZ Z. Ja, ich sehe, Sie genießen es. Greift blitzartig nach ihrer Hand. Was ist das, diese Narbe hier? Helga entzieht ihm die Hand. Jedenfalls war diese Pulsader einmal durchtrennt!

HELGA Es ist zu lange her, es hat keine Bedeutung.

FRANZ Z. Auch Sie sind eine Tote.

HELGA Nein. Mag sein, dass ich schon einmal tot war. Aber nur ganz kurz. Man hat mich aus der Badewanne zurück ins Leben gezerrt. Ich musste gegen meinen Willen weiterleben, das war demütigend genug. Aber man gewöhnt sich schließlich auch an den Zustand des Lebens.

FRANZ Z. Halten Sie endlich den Mund, alleine Ihr Organ ist eine Zumutung!

HELGA Kein Mann wird mir jemals wieder verbieten, das zu sagen, was ich sagen will! Auch nicht du, mein toter Kollege. Macht hat nur das Leben. Und so lange ich lebe, werde ich sie nützen.

FRANZ Z. Ich hatte nicht das Glück, aus einer Badewanne gefischt zu werden!

HELGA Deshalb wäre es einfacher für dich einzusehen, dass du hier nichts bewirkst. Schließe Frieden mit dir selbst und geh dorthin zurück, woher du gekommen bist. Es ist ein guter Rat, glaub mir. (Will gehen, Franz Z. verstellt ihr den Weg.)

FRANZ Z. Woher nimmst du diese Sicherheit!

HELGA Es ist eine Frage des Entschlusses. Ich habe mich dazu entschlossen, unbesiegbar zu sein. Es ist ganz einfach.

Sie geht ab.

 

Alle Rechte für das Stückmanuskript seit 2004 wieder beim Autor.

 
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