Textauszug
„Die Eiserne Grenze
“
Bühnenstück von Peter Wagner
SIE: Beschreib mir deine Frau, die Wasserstoffblonde von Oberwart.
ER: Sie weiß, was sie will.
SIE: Was will sie.
ER: Was weiß ich. Was alle wollen.
SIE: Was weiß sie von mir.
ER: Nichts.
SIE: Und wenn sie Bela eines Tages fragte. Weil sie etwas ahnt.
ER: Dann würde er nichts antworten. Ihre Ahnung als lächerlich
hinstellen.
(Sie bückt sich nach der Marlboro-Schachtel.
Öffnet
sie jedoch nicht.)
SIE: Sie braucht nichts ahnen und nichts fragen. Sie weiß auch
so alles.
ER: Was weiß sie.
SIE: Dass es mich gibt. Dass es irgendwo im Gebüsch deines
Lebens eine andere Frau gibt. Eine Frau riecht die andere Frau.
Auf tausend Kilometer. Sie würde sicher nicht auf die Idee
kommen, dass ich ausgerechnet auf der anderen Seite des Zaunes
sitze. Sie hält mich für wesentlich konkreter. Sie überlegt
in einem fort, wo du es mit mir treibst.
Sie spürt es in der
Art, wie du dich zu ihr ins Bett legst.
Aber sie wird dich nicht
fragen.
Sie wird vermeiden wollen, dass die Sache offiziell
wird.
Solange du schweigst, sind auch dir die Hände
gebunden. Sie hat immerhin drei Kinder von dir. Sie hat gelernt
zu warten. Sie wird warten, bis sich die andere Frau im Gebüsch
deines Lebens solange an den Dornen des Alltags sticht, bis sie
es nicht mehr aushält und davonläuft.
Und sich deine
Krankheit von selber heilt.
Sie wird warten.
So lange hat sie daran gearbeitet, dich zu ertragen.
Das wird sie sich nicht durch eine unkalkulierte Ungeduld zunichte
machen.
ER: Du unterschätzt ihren Stolz.
SIE: Erzähl von ihrem Stolz.
ER: Sie wird niemals eine andere Frau neben sich dulden. In keinem
Gestrüpp der Welt.
SIE: Aber sie erduldet mich bereits. Ob sie es weiß oder
nicht. Du bist süchtig nach mir. Das bist du doch.
Warum gibst
du es nicht zu.
ER: Meinst du mich. Oder Bela.
SIE: Ich meine dich. Und Bela.
ER: Bitte, wenn es dir weiterhilft: Ich bin süchtig.
SIE: Wonach.
ER: Herrgott. Nach einer Fatamorgana in der anderen Seite der
Welt.
Meine Zigaretten.
SIE: Später.
Du bist süchtig. Süchtig nach einer
anderen Frau.
Deine Frau weiß es. Es ist nicht zu übersehen,
wenn ein Mann süchtig ist. Männer können sich nicht
gut verstecken.
ER: Du überschätzt meine Frau, sie weiß gar nichts.
Sie weiß, was sie selber will. Etwas anderes
kommt gar nicht in Frage. Sie denkt nicht daran, dass es eine andere
Frau geben könnte. Nicht einmal theoretisch.
SIE: Dann ist sie aber sehr arm. Ich will nicht glauben, dass
du mit so einer armen Frau lebst, Bela.
ER: Es ist egal, was du glaubst.
Sie denkt nur nach über
die praktischen Dinge des Lebens.
Luxus hat für sie nicht mit Denken und Wissen
zu tun. Nur mit Müssen.
SIE: Ihre gar nicht so üblen Beine.
Auch wenn die Krampfadern
schon durchschlagen.
Wie ist sie im Bett.
ER: Sie weiß, was sie will.
SIE: Das weiß jede Frau.
ER: Mehr ist nicht.
SIE: Ich hätte es so gerne gewusst. Wie du über sie
sprichst. Was du über sie denkst.
Ob du sie gerne fickst.
Ob sie sich dabei bewegt. Wie sie sich dabei bewegt. Ich will alles
wissen.
ER: Sie bemüht sich.
SIE: Das ist nicht wahr. Du bemühst dich, Bela. Du bemühst
dich mit allem Krampf, mir auszuweichen.
ER: Ein Zaun zwischen uns, der keine Begegnung erlaubt.
Und selbst
dann noch ausweichen.
SIE: So ist es. Du weichst meinen Fragen aus.
ER: Bitte sehr, ich werde antworten.
SIE: Will sie es jeden Tag haben.
ER: Jeden Tag.
SIE: Einmal oder öfter.
ER: Einmal reicht.
SIE: Gut. Weiter.
Wie will sie es haben.
ER: Verschieden.
SIE: Bläst sie dir auch hin und wieder einen.
ER: Hin und wieder. Vorher und nachher.
SIE: Macht sie es nur, weil es dir gefällt.
Oder liebt sie
es, weil es ihr selbst gefällt.
ER: Ich denke, es gefällt ihr.
SIE: Dabei hast du fortwährend den Wasserstoff vor Augen.
Du stehst auf Wasserstoff.
ER: Ich schließe die Augen, wenn sie bläst.
SIE: Schluckt sie deinen Saft. Oder spuckt sie ihn aus.
ER: Und du. Schluckst du ihn? Oder spuckst du ihn aus?
SIE: Das ist nicht erlaubt, Bela. Ich stelle die Fragen.
ER: Du kannst nicht blasen. Du nimmst den Penis nicht einmal in
die Hand.
SIE: Was gefällt ihr sonst noch.

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