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Textauszug
„inland. Ein Bühnenpoem“
Manuskript 2004
Uraufführung frei
24. INTERVIEW MIT EINER BEDEUTENDEN PERSÖNLICHKEIT
Personen: der Zweite Nationalratspräsident, eine Journalistin
(Im Amtsraum des Zweiten Nationalratspräsidenten.)
NATIONALRATSPRÄSIDENT: Selbstverständlich gebe ich Ihnen
dieses Interview gerne ... wobei mir die versprochene Titelstory
lieber wäre, aber ich weiß schon, dass das nicht Ihre
Entscheidung ist ... ich werd noch mit dem Herrn Chefredakteur telefonieren
... aber das soll jetzt nicht unser Problem sein. Wobei ich gleich
dazu sagen möchte, dass mir diese Interviews regelrechte Qualen
verursachen. ... (Fragender Blick der Journalistin.) ...
Es ist dieser Zwang, mir ständig vorzustellen, wie das alles,
was sie hier vor mir repräsentieren, unter Ihrem entzückenden
Kleid aussehen mag. ... (Die Journalistin lacht.) ... Sie
lachen, aber für mich ist das ein ernsthaftes Problem. Sie können
mich jetzt fragen, wie das war, als ich am 4. Jänner als Finanzminister
der neuen Regierung angelobt werden hätte sollen ... und mich
dieses Arschloch von einem Bundespräsidenten von der Liste gestrichen
hat, einfach so, ausgestrichen, und das nicht weniger große
Arschloch aus Kärnten sich umgedreht und gesagt hat: „Da
kann man nix machen“. Natürlich war ich da leichenblass,
aber noch ehe ich dazu komme, ihnen die Situation zu schildern wie
sie tatsächlich war ... habe ich Sie als meine Interviewerin
vor meinem geistigen Auge schon ausgezogen, bzw. bin gerade dabei,
sie auszuziehen, bzw. denke darüber nach, ob Sie sich dagegen
wehren und in welcher Weise Sie sich dagegen wehren. Es hat tatsächlich
eine Vereinbarung zwischen mir und dem Kärntner gegeben, wonach
wir nicht in die Regierung gehen, wenn der Bundespräsident mich
als Minister ablehnen sollte ... sehen Sie, an diesem Punkt sehe
ich meine Hand über Ihren Fußrist streichen, den Unterschenkel
hochfahren, über das Knie gleiten, immer weiter vordringen zu
jenem Mysterium, für das ein männliches Hirn einfach zu
klein gebaut ist. Ich dachte mir, es würde alles besser mit
den Jahren, je älter ich würde, umso mehr würde sich
der Zwang, mir den Beischlaf mit kategorisch jeder Frau, der ich
begegne, vorstellen zu müssen, ein wenig lockern. Aber das Gegenteil
ist der Fall. Ich würde Ihnen gerne etwas erzählen über
die Art und Weise, wie ich mir den Ruf eines mächtigen Fädenziehers
hinter den Kulissen erworben habe, dass ich mit dem Finanzminister
vereinbart habe, dass sämtliche Entscheidungen, in denen der
Finanzminister formal für Postenbesetzungen in staatsnahe Firmen
zuständig ist, über meinen Schreibtisch laufen müssen
... aber kaum würde ich ins Detail vorstoßen, würde
ich nur noch über die Farbe ihres Dessous nachdenken, wie es
sich an ihren Brustwarzen reibt, zwischen ihren Beinen, an die Weichheit
der Knospe ebendort, an die Konsistenz des Schleimes und an dessen
Geruch ... Der Geruch aus den Untiefen des Weibes macht mich überhaupt
völlig verrückt, meine besten Entscheidungen treffe ich
beim Gedanken an den Geruch einer Frau. ... Nein, es war mir niemals
ein Problem, den kärntner Giftzwerg speziell bei Personalentscheidungen
für den Aufsichtsrat der Bundesbahnen auszutricksen nach Strich
und Faden ... aber dort, wo mir das gelungen ist, werde ich an nichts
weiter gedacht haben als an den Geruch einer Frau ... oder ihren
Augenaufschlag. Ja, auch der Augenaufschlag und seine sexuelle Tiefe,
jede Öffnung im Gesicht einer Frau ... nicht nur der Mund und
die spezielle Wölbung der Wangen, wenn sich die Frau dem Mann
oral widmet ... kaum erzähle ich Ihnen etwas von der Besetzung
des ÖIAG-Aufsichtsrates mit meinen Vertrauten ... oder nennen
wir sie meinetwegen meine Freunde ... stülpen sich ihre Lippen über
mein Geschlecht, wobei miCH einzig und alleine die Frage interessiert,
ob ihre Augen dabei geschlossen oder geöffnet sind, in welcher
Weise sie geöffnet wären und ob das Verschlingen meines
Geschlechtes, dieses tiefere Verschlingen, dieses Verschwinden meines
Schwanzes in ihrem Mund ... soviel von ihm halt in einer weiblichen
Mundhöhle Platz hat, diese zwar nicht praktisch vollkommene,
ideell aber sehr wohl vollkommene Einverleibung sich als Akt der
Leidenschaft und des tieferen Einverständnisses zwischen der
kompromisslosen Natur des Weibes und dem willenlosen Ausgeliefertsein
des Mannes erweist. ... Ich rede mit Ihnen über typisch österreichische
Verschwörungsphantasien in der Politik, ich rede mit Ihnen über
das Ur-Österreichische, dass einer dem anderen einen Gefallen
tut, weil er weiß, dass auch der bei Gelegenheit gefällig
sein wird, ich rede mit Ihnen über meinen familiär-traumatischen
Hintergrund und von mir aus auch über die Psychologie: dass
ich mich zu jenen Bürgerlichen gehörig fühle, die
sich schon in der Kreisky-Ära unter ihrem Wert behandelt fühlten
und deren unternehmerischer Ehrgeiz an den Mauern von Sozialpartnern,
Kartellen und Banken abprallte ... aber in Wahrheit sehe ich nur
ihre Augen, und ihre Augen sind nichts als vaginale Strukturen, was
heißt Strukturen: mein Geschlecht dringt in Permanenz in ihre
Augen ein, und wären ihre Nasenlöcher, ihre Ohrengänge,
ja die Poren Ihrer Haut nicht zu klein dazu, ich würde ohne
Unterlass auch in sie eindringen, ich würde in alles eindringen,
was ihr verkommenes, verhurtes, stinkendes Frauenleben ausmacht,
ich würde sie derart nieder ficken, dass sie nur noch um Gnade
betteln könnten in Anbetracht solch biblischer Gewalt, die da über
sie kommt ... Ja, es stimmt, ich habe meinen Betrieb aus der unternehmerischen
Sackgasse geführt, ich habe sogar die drohende Pleite nach riskanten
Firmenkäufen in Osteuropa abgewendet, obwohl ich mir von der
Bank Austria die Sanierungsbedingungen diktieren lassen musste. Aber
in dem Augenblick, wo ich nur das Wort Sanierungsbedingungen andenke,
sehe ich mich, wie ich Sie über den Ledersessel dort drüben
ziehe, wie ich mir Ihren Arsch präsentieren lasse, wie ich zuerst
mit dem Schaft der Füllfeder, mit der ich hier sämtliche
Briefe, Genehmigungen und Ablehnungen unterschreibe, in das Innere
ihrer Gedärme eindringe, ehe ich meinen leiblichen Federhalter
dazu ermuntere, Ihnen kräftig in den Arsch zu stoßen ....
und während ich sehr gerne über meine plötzliche Liebe
zum Kleinen Mann, die ich während meines Wahlkampfes als Spitzenkandidat
bei den Nationalratswahlen entdeckte - und natürlich war ich
nur der Hinterhertrotter des wirklichen Kanzlerkandidaten - während
ich also alles freimütig erzähle, greifen meine Hände
in Ihre Haare, ziehe ich Ihren Kopf mit der mir möglichen physischen
Brutalität hoch, beginne ich Ihren Hals zu würgen, während
ich spüre, dass mein Penis den Härtegrad eines Racherechts
annimmt und in seiner Bedingungslosigkeit, mit der er Ihren Arsch
penetriert, schon demnächst Ihren Tod hervor rufen könnte,
hätte ich nicht die geringste Mühe, Ihnen meine Naturphilosophie
zu erklären, die darin besteht, dass Überbevölkerung
mit geringerer Fruchtbarkeit endet, da ich an die Kraft des Biomechanismus
glaube. ... Und dann, wenn ich Ihnen etwas, was Sie ohnehin wissen,
erkläre, dass ich nämlich der idealtypische Finanzminister
gewesen wäre, weil ich auf nichts und niemanden Rücksicht
zu nehmen brauche, dann ... wenn Sie also vergebens um Gnade gefleht
haben werden und noch einmal - schon mehr tot als lebendig - ein
Stöhnen Ihrem Körper entfährt ... dann werde ich Ihnen
gestehen, dass ich sehr leise und sehr ruhig zu werden pflege, wenn´s
sehr eng für mich wird. ... Das alles will ich Ihnen nur gesagt
haben, ehe wir mit dem Interview beginnen. Bitte sehr, ich bin so
weit. Stellen Sie Ihre Fragen.
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