Textauszug "Lafnitz"
von Peter Wagner
(Im Geschäft der Greniza. Greniza sitzt an der Kassa.
Mihai
zählt die Groschen aus der Hand. Lässt sich dabei auffällig
Zeit.)
Kind II: Sechsunddreißig, hat die Greniza gesagt.
Kind I: Sechsunddreißig.
Kind II: Und sie wollte doch sagen:
Greniza: Sie sind schon wieder an meinem Zimmer gewesen, heute Nacht.
Kind II: Stattdessen aber sagt sie:
Greniza: Sechsunddreißig.
Kind I: Sie wollte doch sagen:
Greniza: Quälen Sie mich nicht, Mihai. Schüren Sie keine Illusion in mir. Es ist besser, man richtet sich auf das Leben so ein, wie es ist. Nicht, wie es sein könnte. Man hetzt nur dem Unerfüllbaren nach. Man wird immer nur an seine Sehnsüchte erinnert. Und diese haben mit dem Leben nichts zu tun.
Kind II: Stattdessen sagt sie:
Kind I: Sechsunddreißig.
Kind II: Und Mihai fragt: Wie viel?
Kind I: Und hatte sagen wollen: Verzeihen Sie, Frau Greniza, ich bin wieder an ihrem Schlafzimmer gestanden, heute Nacht. Ehe mich ihr Sohn von dort vertrieben hat.
Kind II: Und dann wollte er sagen:
Kind I: Sie dürfen es nicht zulassen, Frau Greniza. Wieso sperren Sie ihr Zimmer nicht ab. Immer, wenn ich die Klinke zu ihrem Schlafzimmer drücke, hoffe ich, dass die Türe abgeschlossen ist. Aber ich spüre, dass die Türe offen ist.
Greniza: Wieso drücken Sie die Klinke zu meinem Schlafzimmer?
Kind II: Wollte sie Mihai fragen.
Mihai: Es erregt mich,
Kind I: wollte Mihai antworten,
Mihai: nein, es erregt mein Verlangen, sie zu öffnen. Aber es ist nur das Verlangen, das Gewicht besitzt. Der Schmerz, die Türe zu ihnen niemals öffnen zu können. Auch wenn sie gar nicht verschlossen ist. Sie wissen so gut wie ich, dass ich bald wieder weg sein werde. Ich bin kein Abenteurer, auch wenn ich über zwei Grenzen gegangen bin. Das war im Grunde schon zuviel Mut für mich. Der noch größere Mut wäre, ihre Türe zu öffnen.
Greniza: Quälen Sie mich nicht, Mihai. Verzichten sie darauf, an meiner Türe zu stehen.
Kind I: Hatte sie sich vorgenommen zu sagen.
Mihai: Warum sperren sie nicht ab?
Kind II: Hatte er sich vorgenommen zu fragen.
Kind I: Und Greniza wollte antworten:
Greniza: Ihr Kampf mit sich selbst erregt mich. Er erregt mich sehr.
Mihai: Also hoffen sie doch noch, Frau Greniza.
Kind II: Wollte Mihai sagen, aber er sagte nur:
Mihai: Sechsunddreißig. Sie sind teurer als der Supermarkt.
(Mihai geht schnell ab.
Die Greniza drückt den bezahlten
Betrag in die Registrierkassa ein.
Die beiden Kinder nehmen
sich Süßigkeiten aus dem Regal.)
Greniza: Verschwindet. Ich werde nicht schuld sein an eurem Schicksal.
Ihr seid Opfer einer Hysterie. Ich habe einmal auf einen Mann gewartet,
Wochenende für Wochenende, genau wie eure Mutter. Bis ich aufgehört
habe zu warten. Von einem Tag auf den anderen. Das geht schnell.
Und als dann eines Tages statt meines Mannes der Anruf kam,
Posten Kirchschlag, da war es, als wäre ich darauf vorbereitet
gewesen. Die längste Zeit vorbereitet. Sogar seinen Hochzeitsanzug
hatte ich schon vor Jahren putzen lassen, um für den Fall gerüstet
zu sein. Ich musste nur den Plastiküberzug entfernen. Der erste
Benützer der neuen Leichenhalle. Es waren viele Leute da. Die
erste tiefgekühlte Leiche in Welten. Das war mein Mann, und
das ist von ihm übriggeblieben. Es war meine zweite Hochzeit.
Ich trug schwarz damals. Man sagte, ich sei eine schöne
Witwe gewesen. (Die Kinder haben sich etwas ausgesucht.) ...
Vierzehn.
(Die Kinder zahlen, Greniza tippt in die Registrierkassa.)
Kind I und II: Auf Wiedersehen, Frau Greniza

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