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Textauszug
„Das
Maul und der Haufen oder Geburt und Schicksal des Kleinen Soldaten“
von Peter Wagner

DER CHOR
Und als der Krieg ins zweite Jahr ging
Ins dritte
Ins vierte
Zeigte er sich noch immer zufrieden
Im Land, dem einst so üppig erblühten göttlichen
Garten
Keimte die Saat des Bösen
Mensch gegen Mensch
Einer furchtbarer als der andere.
Erblühten die Felder in Rauch,
Staub und Asche
Versanken die Dörfer im Morast der Niedertracht
Tranken die Städte die Tränen
der Verzweiflung
Der Giftzahn des Verrats stak im faulenden Fleische
der schon Erlösten
Zerschnitt die Seelen der Unglücklichen,
die noch lebten.
In den Augenhöhlen der Streunenden saß der
Hass
Fraß sich tief in die Köpfe
Bis er jegliches Antlitz entstellte
In Flüssen von Blut watete
kniehoch die Angst
Schwamm der Altar der Hoffnung dahin.

Die Menschen wussten, was sie taten
Sie raubten einander das Leben
und warfen das eigene hin
Und sie taten es gut
Der Krieg war zufrieden und der Tod
Die Graue Eminenz
Der Tod lachte sein stummes Lachen
Vor dessen greinender Fratze selbst
Gott das Antlitz verhüllte.
Ich bin der Krieg
Sagte der Krieg
Mich hat es immer schon gegeben!
Ich bin zufrieden
Sagte der Krieg.
Und er sagte es, obwohl er sich einsam fühlte.
Denn zu gut wusste
auch der Krieg
Dass man den Krieg auf Erden nicht liebte
Nirgendwo
Zu keiner Zeit
Selbst die, die ihn nährten mit täglich frischem
Blut
Und mörderischer Losung
Selbst die, die am Kriege verdienten
und ihn am Leben erhielten
Um am Kriege zu verdienen
Liebten das gewaltigste Kind nicht
Das der Mensch jemals geboren.
Das aber war das Schicksal der Menschen.
Und nicht das Ende des Kriegs.

Und als der Krieg ins fünfte Jahr
ging
Ins sechste
Ins siebte
Machte sich ein großes Unbehagen in seinen Därmen
breit
Was noch lebte, war müde geworden
Müde nicht nur des weiteren
Lebens
Müde auch des Befehlens und Tötens
Müde des Gehorchens
und Siechens
Es war alles verbrannt im Lande des Krieges
So auch der Wille und
der Mut des Fleisches
Weiter zu brennen
Und zu vergehn.
Männer lagen in einsamen Gräben
Und stießen ihre Bräute,
die Gewehre, heimlich von sich
Sehnten sich zurück in die Schöße
der wirklichen Frauen
Frauen schrien in einsamen Betten nach Männern
Und zeigten
mit den Fingern
Auf das trunken grölende Monstrum, den Krieg.
Da erkannte der
Meister
Dass auf den Menschen kein Verlass sei
Weder im Guten noch im Bösen
Und er beschloss:

Ich schaffe den perfekten Soldaten
Den originalen Sohn des Krieges
Gezeugt und geboren in und aus meinem
Eingeweide
Mein Geschöpf, seinem Vater, dem Kriege, ergeben
In Treue allein
und Gehorsam
Kein Zweifler und kein Zauderer
Von Stolz und Ehrgeiz getragen
Das Ebenbild des Vaters zu sein auf
alle Zeit
Ich nenne ihn: den Kleinen Soldaten
Das Kind des Krieges
Mutig, klug, fähig der Begeisterung und
des raschen Erlernens
Willig und formbar
Ohne die hemmende moralische Schranke
Des erwachsen Gewordnen:
Das Kind schlechthin!
Und so schuf der Krieg den Kleinen Soldaten.
Als er gebar, erzitterte
die Erde
Badeten Stadt und Land im frisch geschütteten Blute.
Doch siehe,
es war wirklich das Kind
Das er gebar
Das Wesen wie du und ich
Ausersehen, die Erde zu tauchen in Jammer
und Schreck.

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