Textauszug
"Die
Mühle"
Stück von Peter Wagner

Baustelle im Depot. Gelegentlich fährt eine Metrogarnitur drüber und lässt die Wände zittern. Das braucht jedenfalls Gewalt.
1
DANIEL
Nimm sie, nimm sie endlich!
(Ludwig nimmt die Kamera zaghaft in
beide Hände.)
Bravo! Geht das in dem Tempo weiter, machst du schneller Karriere als ich.
(Er legt die Wasserwaage an den Türstock,
den er soeben eingemauert hat.)
Siehst du, das ist der Unterschied. Ich lerne, meine Hände zu gebrauchen, du lernst, dein Auge zu gebrauchen ...
(Er schlägt mit dem Hammer auf
den Türstock, Ludwig hält die Kamera ans Auge.)
... und?
(Ludwig erhebt sich, dreht sich, richtet
die Kamera in Richtung Fenster. Daniel legt das Werkzeug beiseite,
reißt ihm die Kamera aus der Hand, hält sie selber ans
Auge.)
... He, Mann, Dein Auge stimmt! ... Kiki, meine kleine Frau, ... die Straße daherschlendernd ... wie ein kleines Mädchen auf dem Nachhauseweg von der Schule ...
(Hantiert am Objektiv, setzt die Kamera ab.)
... zu weit weg. Wenn etwas nicht auf den ersten Blick interessiert,
interessiert es überhaupt nicht mehr. Ein Bild törnt. Oder es törnt nicht. Dazwischen gibt es nichts. Du grauenvolles Arschloch. Wie du wieder stinkst!
(Setzt die
Kamera ans Auge. Sucht nach einem Sujet. Scheint es in dem Blumenstrauß gefunden
zu haben, der auf dem Tisch steht.)
Aha! ...
(Übergibt Ludwig die Kamera.)

Stell dir vor, dieser Blumenstrauß ... wäre der Kopf einer Leiche. Fotografierst du ihn aus dieser Distanz, wird jedermann sagen: eine Leiche, schön und gut. Leichen gibt es viele. Das interessiert niemanden.
(Er reißt Ludwig die Kamera wieder aus der
Hand.)
Jetzt aber ... bewegen wir uns auf unseren Gegenstand zu. Wir wollen
mehr wissen. Wir wollen uns die Sache genauer ansehen.
(Daniel pirscht sich an den Blumenstrauß heran,
dreht am Objektiv.)
Und siehe da, das Detail! Wir erkennen die Gesichtszüge des Objektes, es wird uns plötzlich sozusagen intim ... sozusagen! Die bis zur Mitte der Pupille zugefallenen Augenlider ... Habe ich dir übrigens erzählt von den schlafenden Indios in Guatemala? Sie schlafen alle mit halb geöffneten Augen. Genauso sehen sie aus, wenn sie dann als Leichen auf den Lastwägen landen. Ich habe die Indios als Schlafende und als Tote fotografiert. Das Ergebnis ist verblüffend, du weißt nicht, welcher schläft und welcher tot ist. Die Leichen, die ich geliefert habe, waren echte Leichen, kein Betrug! ... Die bis zur Mitte der Pupille zugefallenen Augenlider, die Sandkörner auf der Unterlippe, die Bartstoppel ... eine Blutspur aus dem linken Ohr ... sie führt den Hals entlang ... verläuft sich im Sand. Wir schwenken den Körper entlang ... die aufgerissene Flanke. Blutdurchtränktes Hemd, noch rinnendes Blut usurpiert den Blick, Blut usurpiert immer den Blick, merk dir das. Es geht letztlich um nichts anderes als einen autoritären Akt: es liegt an dir, ob du den Blick zwingst, du musst es wollen, du musst es dir befehlen, du musst, ohne eine Zwischenfrage, deiner Seele diesen Blick verordnen: du musst wissen, dass man dir 10.000 Dollar für diesen Blick bieten wird. Und mehr, viel mehr, Arschloch! ...

(Mit einem ironischen Seitenblick auf Ludwig.
Du stinkender Käfer. Du hast doch seit Jahren
deine Kleider nicht mehr gewechselt! ... Selbstverständlich
rinnendes Blut, bei weitem mehr als getrocknetes, du musst die Seele
auf rinnendes Blut konzentrieren ...
(Dreht am Objektiv.)
Und das ist nun leider keine Frage der Technik sondern des Instinktes! Wie schnell bist du an einem Tatort, hast du einen Event sozusagen schon vorausgesehen. Blutdurchtränktes Hemd, Fliegen ... Fliegen sind wichtig! Das müsstest du eigentlich wissen, Arschloch. Fliegen ... die Hand, die schwarzen Fingernägel, die Finger, verkrampft, als hielten sie einen Stein umklammert ...
(Ludwig hat sich etwas in Richtung
Tür entfernt. Daniel greift gerade noch im selben Augenblick
nach ihm. Zieht ihn am Hemdsärmel zu sich. Drückt ihm
die Kamera in die Hand.)
Das Detail! Es geht ums Detail, immer
nur um das Detail, Idiot! Oder wen interessiert eine Leiche ohne
eine Spur von Blut? Ohne die Fliegen, die mit ihrem Saugrüssel
dem Toten die Seele noch einmal von der Haut ziehen, ein grandioser
zeremonieller Akt! Als erste sind immer die Fliegen da! Ja, die
Künstler,
die Künstler! Wir haben es hier nicht mit Kunst zu tun! Man
muss ran an seinen Gegenstand! Ihn ins Auge fassen, fassen! Das Auge über
ihn stülpen! Auf den ersten Blick! Da ist keine Zeit zum Schauen,
wenn dir die Bomben am die Eier hageln! Und du ohnehin schon betest:
reißt sie endlich weg, diese verdammten Eier: ich will nur
noch ein Bild, das Bild, das allerletzte! Gibt es ein größeres,
ein beträchtlicheres Wort als: das „Allerletzte“?!
...
(Er schlägt auf Ludwig ein, bezähmt seine Rage.)
... Der erste Blick ist zugleich der letzte, mehr Zeit hast du nicht, Arschloch ...
(Empörung als Bezähmung.)
... begreif das endlich!
(Noch erregter werdend.)
Du musst zugehen auf deinen Gegenstand, du musst zugehen ... was
für das Leben gilt, gilt erst recht für den Tod! Zugehen, zugehen, zugehen, Idiot!!

(Er nimmt die Kelle in die Hand, klatscht wütend
Mörtel in die Ritze zwischen Türstock und Mauer. Misst
mit der Wasserwaage.)
Perfekt ...
(Brüllend.)
... absolut perfekt! ... Geh, Arschloch, geh endlich ran an deinen Gegenstand, da liegt er, ein Kopf ... wie auf dem Präsentierteller, einfacher kann man es ja wirklich nicht mehr machen!! ...
(Ludwig drückt sich mit der Kamera zaghaft um
den Blumenstrauß herum. Er ist fortgeschritten verwahrlost.
Daniel sieht ihm mitleidig lauernd zu und das ist erheblich aggressiv.)
Vergiss es, aus dir wird nie was!
(Er reißt Ludwig die Kamera aus der
Hand. Verstaut sie im Koffer. Schmeißt den Deckel zu. Atmet
kräftig aus und tief ein. Tut, als wäre Ludwig nicht
da. Geht zurück an den Türstock.)
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