Textauszug
„Silvester
am Stefansplatz“
von Peter Wagner
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Kratochwil: Ich werde ein höfliches Entschuldigungsschreiben
verfassen.
Funzi: Nimm das.
Kratochwil: Was ist das.
Funzi: Es beruhigt.
Kratochwil (hält die Pille in der Hand, ohne sie zu schlucken): Du
hast recht. Ich bin krank.
Funzi: Du hast Angst, das ist alles. Du schwitzt geradezu vor Angst.
Und du stinkst.
Kratochwil: Ja, ich stinke, du hast recht. Und man erkennt die Angst
an meinem Gesichtsausdruck. Ja. An meiner Haut. Die Angst hat sie
aufgedunsen. Und der Alkohol.
Funzi: Ich hätte auch Angst. Vor solch einer Verhandlung.
Kratochwil: Rede mir nichts ein. Es ist eine Verhandlung wie jede
andere. Ich sitze über dem Angeklagten. Der Angeklagte sitzt
unter mir. Ich habe immer Angst.
Funzi: Hast du das Opfer gesehen.
Kratochwil: Ja. Die Nacht hat mich nicht schlafen lassen. Die Hitze.
Das Surren des Ventilators.
Funzi: Erzähl. Ich las in der Zeitung davon. Man hat doch sicher
maßlos übertrieben...
Kratochwil: Was ich gesehen habe, stand in keiner Zeitung. Eine
Frau ohne Gesicht. Ein blutiger Klumpen an Stelle eines Gesichtes.
Nichts mehr zu erkennen: keine Augen, keine Nase, kein Mund.
Funzi: Die Tat soll mit einem Stein begangen worden sein.
Kratochwil: Es ist mir unverständlich. Die Brutalität.
Der Rausch.
Funzi: Du fürchtest den Augenblick, da er dir gegenübersteht.
Ich sah ein Foto von ihm in der Zeitung.
Kratochwil: Wie sah er aus.
Funzi: Du kennst ihn doch.
Kratochwil: Ich will wissen, wie er auf dich gewirkt hat.
Funzi: Ein Gesicht. Ein ganz normales Gesicht. Hager, gefasst, etwas
leer, wunderbar.
Kratochwil: Ein ganz normales Gesicht. Das ist es. (Hält
sich den Magen.)
Funzi (gibt ihm eine weitere Pille): Für den Kreislauf.
Kratochwil: Er stellte sich selbst. Er bat, bei der Vernehmung nicht
sitzen zu müssen, sondern am Fenster stehen zu dürfen.
Er sprach langsam. Die fassungslosen Beamten notierten das Protokoll,
ohne Zwischenfragen zu stellen. Er diktierte es, wie ein Lehrer den
Schülern einen Aufsatz diktiert. Druckreif. Rekonstruierte den
Tathergang minutiös. In einer Weise, dass man ihn stimmig und
genau vor Augen hat, wenn man das Protokoll liest. Ich bin tatsächlich
krank. Keine Ausrede. Ich muss mich schonen. Mein Herz.
Funzi: Weiter. Ich will alles wissen. Alles, was man weiß.
Kratochwil: Auf die Frage nach dem Tatmotiv antwortete er: keines.
Funzi: Anders gesagt:
Kratochwil: Sag nichts, ich will es nicht hören.
Funzi: Er hat dir diesen Mord gestohlen.
Kratochwil: Ich habe gesagt, ich will nichts hören. Schweig.
Funzi: Die Tat, die du keinem anderen überlassen wolltest als
dir selbst.
Kratochwil: Ich verstehe kein Wort. Nochmals: schweig.
Funzi: Wie ist es denn, wenn wir miteinander schlafen.
Kratochwil: Wie ist es, wenn wir miteinander schlafen.
Funzi: Du hast nie mit mir geschlafen. Kein einziges Mal.
Kratochwil: Was redest du.
Funzi: Du hast mich seit jeher mit dieser Frau betrogen, dem Opfer
dieses Wüstlings. Du hast es noch jedes Mal mit ihr getrieben,
wenn wir miteinander schliefen.
Kratochwil: Um Himmelswillen, bewahr dir den Verstand.
Funzi: Du hast nur diese Frau geliebt. Sie war und ist die einzige
Frau in deinem Leben. Das Opfer. Das reine Opfer. Das ohne Motiv
getötete Wesen. Du hast es gehasst, weil du wusstest, dass du
ihm nie begegnen würdest. Du wolltest diese nichtexistente Frau
in dir töten. Es ist dir nicht gelungen. Es ist dir nie gelungen.
Wenn wir im Bett lagen, hast du sie immer wieder zu uns ins Bett
geholt. Das ging ganz automatisch. Wenn schon du nicht imstande warst,
sie zu töten, dann sollte wenigstens sie imstande sein, dich
zu töten. Du warst ihr ergeben. Hörig. Ihr kleiner Hund.
Du schliefst mit mir, um getötet zu werden von einer anonymen
unbekannten Frau. Weil du selbst nicht imstande warst, sie zu töten.
Den reinen Mord zu begehen, den wunderbaren. Jetzt hat es ein anderer
für dich getan. Schäm dich.
Kratochwil: Ich versuchte es, viele hunderte Male. (Er lehnt
sich erschöpft zurück, Punzi hält seinen Kopf in
den Armen.) Ich habe sie immer wieder getötet. Unter
dem Surren des Ventilators, den stoßweisen Brisen, die meine
Haut wie zögernd erreichten und nicht kühlen konnten.
Meine Haut, auf der die Schweißtropfen saßen wie unbenannte
Zeugen einer Täterschaft. Das ganze Bettlaken eine einzige
nass durchtränkte Zeugenschaft einer Tat.
Funzi: Weiter, nicht aufhören.
Kratochwil: Ich kann nicht weiter, ich schäme mich.
Funzi: Was zählt sie, deine Scham. Jetzt zählt nur die
Wahrheit. Sie sitzt über dir zu Gericht.
Kratochwil: Alleine im Hotelbett nach fünfzehn Whiskey und
acht Bier. Unter dem Ventilator. Sein Schatten an der Wand, der Schatten
einer Schere, die in dem Augenblick, da sie sich öffnete, zuschnappte.
Eine Schere, die die Mühle des Denkens schmerzhaft in Bewegung
hielt. Ein Gesicht, das ich in diese Schere legte, immer und immer,
zerstörte und zerstörte, einen Körper, den ich unaufhörlich
quälte und schändete, und ein Gebet: Herr, erlöse
mich von dieser Qual. Bis der Herr nach Stunden Einsehen hatte und
mir den Samen wie eine rotzige Gnade hinwarf auf das Laken, unter
dem ich die Zeugen meiner Tat zu erdrücken versuchte, so gut
es nur ging. Ich versuchte, Vulkane zu besteigen und an der Hitze
ihrer Glut zu verbrennen, am Schwefel ihres Atems zu ersticken; ich
versuchte, mit den Indios in den Dörfern zu leben, einzig von
Maisfladen und Wasser, um Herr anderer Gedanken zu werden, um wund
zu werden an den Knien von den Steinplatten in ihren Kirchen, um
an ihren Gebeten teilzuhaben und zu genesen; ich versuchte, ihre
Kinder zu beschützen und so wie sie das Feld zu bestellen. Es
nützte alles nichts. Ich war dem Töten verfallen, ohne
es je getan zu haben. Du verachtest mich, mit recht.
Funzi: Den Gefallen werde ich dir nicht tun. Nimm das.
Kratochwil (schluckt die Pille): Und jetzt.
Funzi: Jetzt gehst du hin und setzt dich über den Angeklagten.
Töte ihn. Stell dich der Meute, die von dir ein klares Urteil
verlangt.
Kratochwil: Es ist bald achtzehn Uhr.
Funzi: Man wird kein Verständnis haben für einen Richter,
der zu spät kommt. Weil er Angst hat.
Kratochwil: Ich lege das Amt wegen Befangenheit zurück.
Funzi: Lächerlich.
Kratochwil: Er ist der Stärkere, ich werde ihm nicht gewachsen
sein.
Funzi: Er ist der Stärkere, zweifelsohne. Aber du brauchst
dich nicht zu zeigen. Tu, was der Stärkere vom Schwächeren
erwartet: Geh hin und sprich dein Urteil über ihn. Ihn, den
kein Urteil mehr einholen kann. Der erhaben ist durch die Tat.
Kratochwil (sinkt nocheinmal ein): Ich kann nicht.
Funzi: Tu es mir zuliebe, Kratochwil.
Kratochwil: Solltest nicht auch du mir etwas erklären. Damit
die Rechnung stimmt.
Funzi: Ich brauche diesen Menschen, deinen Angeklagten. Aber ich
brauche ihn nicht nur so. Ich brauche ihn hinter Gittern. Hinter
dem Raster seiner Erhabenheit. Er muss die Sehnsucht sein, die immer
währende unerfüllbare Sehnsucht.
Kratochwil: Du hast, als du zwischen den meterhohen sakralen Brettwurzeln
vor mir knietest, nicht meinen Penis in der Hand gehalten, sondern
seinen.
Funzi: Ja.
Kratochwil: Du hast, als du von ihm getrunken hast, nicht von meinem
Penis getrunken, sondern von seinem.
Funzi: Ich ließ meine Haut aufspringen. Für ihn. An hundert
Stellen. Und er legte sein Fleisch in meines, stieß in hundert
Wunden und ließ jede einzelne brennen, lichterloh, bis ich
all den Schmerz spürte, den ich mit keinem anderen Mann gespürt
hatte, Kratochwil. Die Sehnsucht ist das einzige, was uns geblieben
ist. Zweifelst du noch immer daran, dass du jetzt gehen musst. Verurteile
ihn. Wir beide brauchen ihn, jeder auf seine Weise. Gib ihm, was
er erwartet und wir beide brauchen.
Kratochwil (erhebt sich): Wir lieben immer nur Phantome.
Funzi: Aber bitte.
Punzi: Ich gehe mit, Mama.
Funzi: Es ist zu gefährlich. Die Patrouillen könnten euch
verwechseln und auf euch schießen. Bleib hier.
Punzi: Nein. Ich will mit Vater gehen.
Kratochwil: Lass sie, ich werde sie brauchen. Auf Kinder wird nicht
geschossen, das haben sie uns versprochen.
Funzi: Heb den Kopf, Kratochwil.
Kratochwil: Du erinnerst dich meines Namens.
Funzi: Wir können nicht mehr zurück.
(Kratochwil und Punzi gehen ab. Funzi beginnt sich zu schminken.
Sie ist nun eine deutlich andere. Würde und Verschlossenheit,
beides bereit aufzubrechen, bündeln sich in ihren Bewegungen.
Sie ist erwachsen und eine Frau. Sie trägt die Schönheit
derer, die um das Verlorene wissen.)
(Blech trägt Lidi Knar auf den Armen. Sie lässt Kopf
und Extremitäten hängen. Blech ist völlig erschöpft.
Legt Lidi Knar auf den Boden.)
Funzi: Was haben Sie mit ihr gemacht.
Blech: Ich ... gemacht ... habe ich etwas mit ihr gemacht.
Funzi: Erzählen Sie mir alles. Sie wollten sie umbringen.
Blech: Umbringen, ich. (Funzi nimmt Lidi Knar in die Arme.) Sie
lag abseits des Weges. Im Gebüsch. Ich habe sie rausgezerrt
und versucht, sie wiederzubeleben. Ich habe ihre Lippen berührt,
mit den Fingern. Ich habe sie an mein Herz gedrückt. Ich habe
sie geschüttelt, um sie wiederzubeleben. Ich habe meine Tränen
auf ihren Wangen verschmiert. Sie sagte stets nur etwas von einem
Tier.
Funzi: Sie haben diese Frau misshandelt.
Blech (ungläubig): Misshandelt.
Funzi: Sie haben sie missbraucht.
Blech: ... Missbraucht ...
Funzi: Sagen Sie ja. Setzen Sie den Glanz, der Sie umgibt, nicht
aufs Spiel. Tun Sie es für mich, nur für mich, bitte.
Blech: Misshandelt. Missbraucht. Das kann nicht ich gewesen sein. (Völlig
indisponiert.) Ich kann mich nicht erinnern.
Funzi: Aber Sie haben es getan. Das genügt mir.
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