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Textauszug
"Die
Gläserne
Spinne"
Fantasie für Glasinstrumente und Erzähler
Text und Idee: Peter Wagner
22
„Du hast mein Leben zerstört.“
Immer wieder murmelte sie diesen Satz, während sie über
den stattlichen Berg aus Splittern kroch, als wollte sie zwischen
den Scherben hindurch das Antlitz ihres Kindes finden, nach dem sie
schon seit Stunden vergeblich suchte.
Es war eine Fliege gewesen, eine dumme kleine Fliege, die nicht
bemerkt hatte, daß das Netz diesen unwahren Glanz ausstrahlte,
den sonst kein Netz ausstrahlt, und ihn also mißachtete und
so unbedacht, wie Unbedachtheit nur sein kann, dagegengeflogen war.
Das Netz war mit einem feinen Knall in sich zerborsten, hatte sich
im Bruchteil einer Sekunde in ein Nichts verwandelt und am Boden
des Depots zu einem rasselnden Häuflein aus Glassplittern zusammengesammelt.
„Du hast mein Leben zerstört.“
Sie scharrte unter ihren Beinen Glassplitter zusammen, was sie konnte,
aber die Splitter waren wie all das Geld, das strahlt und doch wertlos
ist.
„Habe ich dir nicht alles zugestanden“, flüsterte
sie, noch immer ungläubig wie am Anfang, „sogar den Platz
in meinem Herzen. Heimtückisch hast du dich eingenistet und
dich erst erkennbar gemacht, als ich keine Möglichkeit zur Gegenwehr
mehr hatte. Ich habe dich gepflegt in mir. Und dann sogar geliebt.
Du aber, du hinterhältiges Ungeheuer, du hast es vorgezogen,
auf alle meine Fragen zu schweigen, mich der Illusion zu überlassen,
ich könnte trotz, oder vielleicht sogar wegen aller Gefährdung,
die von dir ausgeht, zu einem Anfang finden, zu einem neuen Leben
gar, in dem am Ende für uns beide ein Platz sein würde,
für dich, meinen angebeten, verehrten, schmerzenden Gast, und
für mich, deine Trägerin, die dir alles zu geben bereit
gewesen wäre - wenn du mir nur die Möglichkeit offengehalten
hättest, mein Opfer von selbst zu geben, egal von welcher Größe,
und wäre es am Ende ich selbst gewesen. So hast du es dir einfach
genommen, ungefragt, brutal. Hier liegt mein Leben, eine zersplitterte
Nichtigkeit, du hast dir mein Leben ganz einfach genommen. Du hast
mich nicht nur zerstört und getötet, du hast mich aller
Selbstachtung beraubt. Und du wütest weiter, verschlagen und
lautlos, längst hast du mein Herz gefressen, längst spüre
ich in meinem Bauch deine Spur. Und doch, mein Liebster, mein ewig
Liebster, wisse, daß du mich nicht bezwingen wirst. Daß du
mich niemals bezwingen wirst, weil ich das Leben ewig bin, und du,
mein Tod und Mörder, immer nur mein Gast.“
Und während sie noch immer wie besinnungslos mit allen ihren
Beinen die Splitter ihres Netzes zusammenscharrte, scharrte der Tod
in ihrem Leib, nicht mehr lautlos, nicht mehr verschlagen, er scharrte
die letzten Reste ihres Lebens zusammen und führte dieses endlich
ins Nichts.
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