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Textauszug „Die Weiße Frau“
Fast ein Musical

Stück: Peter Wagner
Musik: Arthur Fandl

 

 

 

(Ein junger Bauernbursch mit einem Ranzen kommt vorbei. Der Blinde spielt. Der Narr und sein Gehilfe sehen sich die Szene aus der Distanz an.)

DER BLINDE:
           Halt ein, mein Freund, ach zügle deine schnellen Schritte
           Ich seh, in Kummerfalten wirft sich deine Stirn
            Von zwei Möglichkeiten gibt es immer noch ne Dritte
            Und auch der Faden deines Glücks ist nicht aus Zwirn.
            Drum ist´s gescheiter, wenn du wieder lachst
            Und mir an diesem Orte
            Für meine weisen Worte
            Eine nicht zu kleine Spende machst!
            Denn was ich seh, das seh ich nun einmal -
            Und das ist, ach glaube mir, nicht zuviel in diesem Fall!

DER BAUER: Ach was, du Scharlatan, der Faden meines Glücks ist längst gerissen! Hunger und Not, davon hätt ich noch leben können, weil hierzuland und unter dieser Herrschaft ohnehin niemand von was anderem lebt. Aber gestern ist mir, entkräftet vom Hunger wie sie war, auch noch meine Frau im Kindsbett gestorben, und da soll ich nun lachen?! Sei froh, dass du blind bist, sonst würd ich mich für deine weisen Worte schon in der gebührenden Weise erkenntlich zeigen! Da, das ist meine Spende für dich!

(Er spuckt in den Blecknapf. Geht weiter. Der Narr hält ihn auf.)

DER NARR: O, ich verstehe dich so gut, mein Bruder. Und nun gehst du in deiner Verzweiflung mit dem Grafen in den Krieg.

DER BAUER: Wenn er mich nimmt, bin ich nicht abgeneigt.

DER NARR: Er wird dich nehmen. Denn er sucht nach Männern wie dir, die in der Hitze des Gefechtes alles gewinnen werden, weil sie selbst nichts mehr zu verlieren haben.

DER BAUER: Ganz genau so ist es.

DER NARR: Endlich wieder etwas anderes sein als das von Gott verfluchte Häuflein Elend ...

DER BAUER: Ganz genau!

DER NARR: Geadelt durch die Gefahr, gekrönt durch den Tod.

DER BAUER: Wie wahr du sprichst. Und wie gewählt! Anders als dieser Schleimbeutel da!

(Ein schwarzer Reiter kommt langsam auf seinem Rappen vorbei. Narr, Diener und Bauer gehen in die Knie und bekreuzigen sich.)

DER NARR: Siehst du, das ist dein Tod, mein Freund.

DER BAUER: Mein Tod?

DER NARR: Dein Tod, der dich zu einem Helden macht!

DER BAUER: Mich zu einem Helden macht ... ich werde also ein Held sein, ein wirklicher Held?!

DER NARR: Nur durch den Tod! Da reitet er dahin. Und du wirst ihm fortan folgen bis zu jenem Tag, da ihr euch beide in der Schlacht begegnet. Unter seinem Mantel verbirgt sich der Ruhm, den er über dich schütten wird zum Wohle des Vaterlandes. Deine Ehre heiße Treue!

DER BAUER: Jawohl, meine Ehre heißt Treue!

DER NARR (erhebt sich und putzt sich ab): Ich frag mich allerdings nur, warum du dein gesamtes Erspartes mit in den Krieg nehmen willst.

DER BAUER: Ach was, mein gesamtes Erspartes! Das ist gerade so viel, dass ich mir neue Stiefel kaufen kann. Mit solchen Lumpen an den Beinen geht doch ein richtiger Soldat nicht in den Krieg!

DER NARR: Das ist schon richtig. Doch andererseits: willst du wirklich riskieren, dass - nachdem du im eigenen Blute verröchelt bist - sich irgend solch ein Muselmane deiner neuen Stiefel bemächtigt? Da hast du nun jahrelang den letzten Notgroschen in deinem Beutel gehütet wie dein Augenlicht, hast selbst gehungert und dein Weib hungern lassen, nur damit du ihn dir aufheben kannst für noch schlechtere Zeiten, und das soll nun in Form von nagelneuen Stiefeln dem Sarazenen in die Hände fallen?

DER BAUER: Da habt ihr allerdings auch wieder recht. Was mach ich nur?

DER NARR: Ich würde sagen: Du überlässt den Beutel ganz einfach mir. Und solltest du es dir am Schlachtfeld überlegen und dich doch gegen den Heldenruhm entscheiden, solltest du also wider alle deine Pläne Verrat an deiner Entscheidung, dem Tode zu begegnen und die Ehre zur Untreue erklären ...

DER BAUER: Das werde ich mitnichten, meine Ehre heißt Treue!

DER NARR: ... so wirst du bei deiner Heimkehr ganz einfach nach dem Narren fragen, der dir den Beutel sodann zurückerstattet.

DER BAUER (zieht den Beutel aus dem Wams): Das ist ein guter Rat. Zu dir hab ich Vertrauen, denn du versuchtest mir nicht etwas einzureden, was nicht stimmt!

DER NARR: Ich hab noch niemals irgendjemand irgendetwas eingeredet, nicht einmal versucht!

DER BAUER (gibt dem Narren den Beutel und küsst seine Hand): Danke, mein Herr, vielen Dank. Nun ist mir leichter.

DER NARR (wiegt den Beutel): Das glaub ich auch. Und nicht vergessen: folg immer brav dem Grafen - und diesem schwarzen Reiter. Auch wenn er dir mitunter abhanden kommt: verzage nicht, du wirst ihn wieder treffen.

Der Bauer ab. Der Narr öffnet den Beutel, legt sich in die Schiebetruhe.

DER NARR: Ab mit uns, unser Pensum ist für heut erledigt. (Wirft einen Blick auf den Blinden.) Hab ich nicht gesagt: es gibt Talentierte. Und dann gibt es leider auch weniger Talentierte. (Betrachtet den Blinden.) Ich will damit natürlich nicht behaupten, dass auch die weniger Talentierten nicht dazulernen könnten.

(Wälzt sich aus der Schiebetruhe. Öffnet den Beutel, wirft dem Blinden ein paar Münzen in den Blechnapf.)

DER NARR: Bist ja auch nur eine arme Sau, die nichts kann ... für den ganzen Schmarren!

(Schließlich legt er ihm den ganzen Beutel in den Blechnapf.)

DER NARR: Verdammter Hund, werd selig!

(Legt sich in die Schiebetruhe. Der Diener schiebt ihn fort.
Der Blinde schiebt sich die Blindenbinde über die Augen, zählt das Geld im Napf und im Beutel.)

DER BLINDE:  Ach wie schön ist es doch, andere für sich arbeiten zu lassen. Es gibt solche Narren, die tun das auch noch freiwillig. Ein Narr bleibt ein Narr, und das ein Leben lang. Aber immerhin, der Trick mit dem Reiter war nicht schlecht. Den muss ich mir merken.

(Er steckt den Beutel ein und zieht die Blindenbinde wieder über die Augen.)

 

MUSIKFILE „Blues – Das letzte Lied der Katarina“
CD „Die Weiße Frau“
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