|
 |
 |
Zu meiner Person.
Kopftücher 1-4 (1991)
Kopftuch 1: Zu meiner Person
Ich wurde am 7. Juni 1956 in Wolfau/Südburgenland geboren.
Angeblich wollte mich meine Mutter, von den Wehen überrascht,
auf einem Feld gebären. Ich kam dann allerdings - gegen
meinen Willen! - in einem Bett zur Welt.
Die ersten Lebensjahre waren glückliche: ich wanderte in Unterwart
mit meinem Dreirad von Haus zu Haus, bekam in Kakao eingebrocktes
Brot und wurde als Sohn des Volksschullehrers Johann Wagner von
allen geliebt. Die Gesichter der mehrheitlich ungarisch sprechenden
Unterwarter sind bis heute als zeitlose Skulpturen in meinem Gedächtnis
geblieben. Ich selbst wuchs mit zwei Muttersprachen auf: Ungarisch
und Deutsch. Als meine Eltern 1962 von Unterwart nach Oberwart zogen,
verlor ich eine meiner Muttersprachen. Wenn ich heute Menschen ungarisch
sprechen höre, überkommt mich ein Schuldgefühl.
Bis zur Pubertät darf ich ein äußerst friedfertiges
Kind gewesen sein. In der Volksschule saß ich neben einem
Zigeuner, dem ich mitunter die Schulaufgaben schrieb. Er erstach
später in Bernstein zwei Menschen. Der Eintritt ins Bundesrealgymnasium
on Oberschützen brachte für mich die Zeit der Einsamkeit.
Ich denke bis heute nicht gerne an die acht Jahre bis hin zu der
schon im Wort lächerlichen Matura, obwohl ich stets Vorzugsschüler
war. Ich war oft und stets unglücklich verliebt. An Sonntagen
pflegte ich mit dem Moped von Oberwart nach Eisenberg zu fahren,
um dort eine Blick über den rostigen, überwucherten Eisernen
Vorhang in das unbegreiflich andere, von mir Getrennte zu werfen.
Seit damals ist für mich die Grenze der wichtigste Ort meines
Lebens.
Anlässlich eines Gastspiels der „Komödianten“
in Oberwart fiel mir der in Unterrabnitz/Mittelburgenland lebende
Schriftsteller Jan Rys auf, er saß in der ersten Reihe. Ab
meinem achtzehnten Lebensjahr pilgerte ich regelmäßig
zu ihm. Ich machte ihn zu meinem Lehrer, an dem ich in der Folge
oftmaligen rituellen Vatermord beging. Er führte mich in das
von ihm initiierte „Internationale Hörspielzentrum“
ein. Einige Hörspielredakteure im In- und Ausland hatten bald
einen Narren an dem jungen Autor gefressen, weshalb ich zwischen
meinem neunzehnten und fünfundzwanzigsten Lebensjahr ganz gut
vom Hörspielschreiben leben konnte: ich lebte von einer literarischen
Gattung, die niemals meine Passion geworden war.
In den Beginn einer mehrjährigen Arbeitskrise fiel die Geburt
meines Sohnes und meine endgültige Sesshaftwerdung im Südburgenland.
Zunächst flüchtete ich in die fatalste meiner Leidenschaften:
in die Musik. Ich arbeitete intensiv mit Jazz- und Rockmusikern
zusammen, komponierte selbst, obwohl mir das Handwerk dazu fehlte.
Vor einigen Jahren, ehe ich mit dem Schreiben von Theaterstücken
begann, stellte ich mich vor die Wahl: entweder im Saft meiner eigenen
Kreativität zu verschmoren, oder mich wieder meinem bei Jan
Rys erlernten Beruf zu stellen. Ich habe mich entschieden. Dennoch
hat mir auch danach das Schreiben alleine nicht genügt: Schreiben
zeichnet das Leben – Inszenieren begreift es. Ich habe noch
viel zu begreifen.
Kopftuch 2: Meine Arbeit und mein Burgenland
Der oberwarter Zigeuner Stefan Horvath war mein künstlerischer
Urvater: er lehrte mich die drei Griffe der C-Dur-Kadenz auf der
Gitarre. Zugleich nahm er mir, dem Pubertierenden, die Heile Welt:
er hatte im KZ Auschwitz seine Frau und seine drei Kinder verloren.
Ich brachte ihm für die kostenlose Einführung in die Welt
Wein aus den Wirtshäusern, zu denen er selbst per behördlicher
Verfügung keinen Zutritt mehr hatte. 1974 widmete ich ihm mein
erstes abendfüllendes Hörspiel „Purdy Pista sagt,
die Cymbal ist tot“, das bis heute am häufigsten gespielte
Stück von mir.
Mein erster Zusammenprall mit der Kleinbürgerwelt des Burgenlandes
fand 1975 statt. Ich wurde von einer Dichterlesung ausgeladen, weil
ich bei einem Bankett saufende und sabbernde Politiker aus Land
und Gemeinde beschimpft hatte – selbst saufend und sabbernd.
Anlässlich des letzten runden Jubiläums des Burgenlandes
1981 erschien eine als Verballhornung verstandene Umdichtung der
burgenländischen Landeshymne in einem von der Landesregierung
herausgegebenen Jubelband. Die Folgen waren eine aufgebrachte Öffentlichkeit,
einige Anzeigen, ein Fast-Zurücktritt des Kulturlandesrates
und eine dringliche Anfrage im Landtag. Seitdem galt ich als sog.
Enfant terrible – eine Etikette, die mittlerweile mit dem
Attribut „ehemaliges“ belegt wird. Ich gelte heute als
etwas reifer geworden.
1978 beschrieb ich die Identität Jugendlicher in einem von
Abwanderung und persönlicher wie beruflicher Ausweglosigkeit
geprägten Südburgenland in der Erzählung „
Aktion am Drulitschweg“. Sie erschien 1981 zusammen mit einigen
anderen Kurzgeschichten im gleichnamigen Erzählungsband bei
einem Kleinverleger in Eisenstadt. Eine Verfilmung des Stoffes hat
der ORF ohne Begründung abgelehnt.
Meinen Ruf als provokanten Selbstdarsteller kultivierte und stabilisierte
ich 1980 als Mitveranstalter der Aktionsreihe „ausnahmsweise
oberwart“ mit dem von mir initiierten „Ersten Burgenländischen
Fernsehwettschauen“ auf dem Hauptplatz in Oberwart, sowie
mit der „Motorsägensymphonie“ anlässlich des
Landeskulturtages 1981 in Bernstein.
Das 1988 entstandene erste Theaterstück „Die Mühle“
ist ebenfalls im Südburgenland angesiedelt: ein Foto-Reporter,
der 20 Jahre lang allen Kriegen der Welt nachgereist ist, schwängert
eine 17jährige Fleischhauergehilfin und zieht sich mit ihr
in eine verfallene Mühle am Land zurück, um dort seinen
eigenen privaten Krieg zu inszenieren. Das Stück erlebt am
16. November 1991 im WUK/Wien seine österreichische Erstaufführung
inter meiner Regie.
Seit 1989 inszeniere ich eigene Stücke im Burgenland. (Siehe
dazu Kopftuch 4: Theater am Ort)
Letztes Jahr gelang mir mit dem Stück „Lafnitz“,
das ebenfalls im Südburgenland angesiedelt ist, angeblich oder
Durchbruch – was immer dies sei.
Obwohl das Burgenland, in dem ich mit Ausnahmen seit meiner Geburt
lebe, ein nicht unwesentliches Gewicht in meiner Arbeit besitzt,
lehne ich den neuerdings wieder modisch gewordenen Begriff des „Heimatdichters“
für mich ab. Es sei denn, man wendet ihn ausnahmslos auf alle
Schriftsteller an – was einem Höheren entspräche.
Kopftuch 3 : „Burgenland. Eine Farce“
Der Gedanke, mich endlich nach dem Stück zu bücken, das
schon viele Jahre auf meinem Weg herumliegt, kam mir anlässlich
der diversen Affären rund um den jetzigen Landtagsabgeordneten
und zukünftigen Direktor der Vereinigten Wasserleitungen Hans
Sipötz. Damals im Frühjahr dieses Jahres, als besagter
Politiker noch den Titel Landeshauptmann trug. Ich dachte, mich
an einer gewissen Spezies des pannonischen Menschen rächen
zu können, indem ich sie mythologisiere. Es kam anders: Es
wurde ein Liebesstück. Und es hat zunächst nur im Titel
mit dem einzigen und wahren „Burgenland“ zu tun.
Im Juli dieses Jahres zog ich mich Vierzehntage in ein Hotelzimmer
in der Türkei zurück, hörte via Walkman Bruckners
3. und 6. Symphonie und tippte das Stück „Burgenland.
Eine Farce“ in die Schreibmaschine.
Vor mir traten Menschen auf, die ihre lebenslange Groteske leben,
ohne es zu wissen:
Grenzsoldat 1 und 2 bedienen sich der Sprache nur noch, um nicht
an der Irrationalität des von ihnen bewachten Niemandlandes
irrezugehen;
Mensch 1, Arzt und Erfinder der „Sanften Sterbehilfe“,
hegt den fanatischen Wunsch, von seinen Mitmenschen aufs innigste
gehasst zu werden;
Mensch 2, der Türke von Purbach, heute Gipserassistenz des
Menschen 1, scheint nur als Sklave glücklich zu sein;
die Gräfin spielt mit dem ungarischen Bauer und dem kroatischen
Arbeiter ein erotisches Pokerspiel auf Leben und Tod;
der Selbstmörder überlebt als geschäftstüchtiger
Yuppie glänzend;
die drei Jäger betreiben Vergangenheitsbewältigung, während
diese den beiden tausendjährigen Soldaten absolut nicht gelingen
will, obwohl sie zaghafte Anläufe unternehmen;
der Architekt und seine Gattin begehen den Kirtag auf ihre Weise;
die zwei Feuerwehrleute hindert ein einfaches Briefkuvert mit bestimmtem
Inhalt daran, ihre Blasmusikinstrumente zu bedienen;
der todkranke Fürst wird von seinen beiden Sekretären,
dem Geier und dem Falken, rührend umhegt.
Und schließlich ist da der naive Enkel, der als eine Art Roter
Faden durch das Stück führt: er hat von seiner Großmutter
die Sehnsucht geerbt, die er verspürte, wenn er sie eines der
längst vergessenen (kroatischen) Volkslieder singen hörte.
Nun macht er sich mit seiner Geige auf den Weg ins Land der Lieder
seiner Großmutter, um dort die Sehsucht in sich zu stillen.
Prompt wird er Opfer des Weißen Mädchens, das im Mittelalter
in einer Burg lebend eingemauert wurde und seitdem als ewig ruheloser
Geist die Männer ins Verderben stürzt.
„Burgenland. Eine Farce“ bezeichnet keine Gegenwart
und keine Vergangenheit, und doch beides. Es bezeichnet kein bestimmtes
Land, und doch das Burgenland. Es kennzeichnet Menschen, die einander
selbst im Hassen noch lieben, ohne es zu wissen. Es bezeichnet die
Einsamkeit, der auch der Mensch am Lande mehr und mehr ausgesetzt
ist: Oft ist auch hierzulande der Weg nach New York bereits kürzer
als der zum eigenen Nachbarn.
„Burgenland. Eine Farce“ ist der Versuch, in der eigenen
Lächerlichkeit eine existenzielle Wahrheit zu finden, mit der
es sich leben lässt.
Kopftuch 4: Theater am Ort
Vor allem anderen steht der Ort einer Inszenierung fest. Er ist
Hauptinspirator des entstehenden Stücks, das im nächsten
Entwicklungsstadium eine vorsichtig skizzierte Form als ungefähres
Stückkonzept annimmt. Dann wird nach vorwiegend intuitiven
Gesichtspunkten eine Produktionsgemeinschaft bestehend aus Schauspielern
und Mitarbeitern zusammengesetzt. Danach erst entsteht der Text
des Stücks, wobei auf die Persönlichkeiten der Schauspieler
bei der Rollengestaltung Bezug genommen wird. Die Inszenierung selbst
kann das Stück noch einmal radikal oder geringfügig verändern.
Diese Methode wandte ich erstmals bei der Produktion „Die
F.F.-Company & Co – Das Jazz-Musical“ an. Neun Musikern
schrieb ich eine Geschichte, in der ich die konkreten Personen zu
Figuren typisierte.
Bei der Produktion „Peter Wagner Fledermäuse“ (die
Musik dazu ist als Extraplatte 99 erschienen) stilisierte ich dieses
Konzept zu einer eigenen Theaterphilosophie. Ich machte den Innenhof
eines Vierkant-Gebäudes zum Hauptdarsteller und schrieb seinen
Mauern und dem von ihnen beherbergten Bewohner – mir –
ein Stück.
„Grenzgänger – Das lange Sterben des Hörspielautors
Jan Rys aus Unterrabnitz im Burgenland“ folgte 1990. Hier
war mit der Kulisse eines Ausschnitts der Grenz-Wallfahrtskirche
von Inzenhof/Südburgenland im Offenen Haus Oberwart zunächst
die Bühne bekannt, ehe ihr das Stück nach dem Hörspiel
von Jan Rys folgte.
Auch bei „Burgenland. Eine Farce“ gab es vor dem Manuskript
sowohl den Spielort – den ich nach eigenen Vorstellungen und
nahezu ohne bauliche Einschränkung verändere – als
auch das Produktionsteam und die Schauspieler. Ich entwarf die Rollen
mit der konkreten Vorstellung von den sie verkörpernden Schauspielern.
So habe ich z.B. bei der Gestaltung des Enkels eine über das
übliche hinausgehende Anleihe genommen: Er ist nebenbei Geiger
in einer Gruppe und hat in Vergessenheit geratene kroatische Volkslieder
gesammelt. Die Figur des Enkel ist somit weitgehend identisch mit
der des Schauspielers Georg Kusztrich.
Artikel über Peter Wagner (Auswahl)
|
 |
 |
 |
|
  |