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STRAMME STEINE

 

Essay in DIE PRESSE, Spectrum
24. März 2018

Ein Denkmal, um den "Anschluss" zu feiern. Im Österreich des Jahrs 2018. Das gibt´s nicht? Doch, das gibt es - mitten im Burgenland. Nachricht aus Oberschützen.

Titel und Untertitel von der Presse-Redaktion gesetzt; Originaltitel des Autors: Black Box

Siehe auch "PFLÖCKE/Korridor - Das Anschlussdenkmal 70 Jahre danach >>

BLACK BOX

Die Anschlussdenkmäler von Oberschützen

Von Peter Wagner

 

Im Frühjahr 1983 schlenderte ich mit einem Freund aus München einen Feldweg Richtung Oberschützen entlang. Schon von der Ferne leuchtete uns der aus Stein erbaute Quader mit je drei Pfeilerarkaden an den Seiten entgegen. Nun, durch das Licht der schon etwas flach stehenden Nachmittagssonne zusätzlich exponiert, hob er sich von dem in der Ferne aufsteigenden, stellenweise noch mit Schnee bedeckten Wechselgebirge ab und reckte seine Säulen und das von ihnen getragene Gesims stramm und mannhaft wie eh und je ins mächtig gewölbte Firmament. 

Der Bau, landschaftsdramaturgisch so positioniert, dass er von allen Seiten über viele Kilometer sichtbar ist, hatte meine Fantasien schon erregt, als ich in den Sechziger- und Siebzigerjahren das Gymnasium in Oberschützen besuchte. Und er erregte sie erst recht, als ich von seiner eigentlichen Bestimmung erfuhr. Diese hat die Kleine Zeitung am 20. Mai 1939 so beschrieben: „Das Denkmal ist ein Bekenntnis dieses Grenzstreifens zur gesamtdeutschen Gemeinschaft und der Dank an die Vorsehung für die Erfüllung seiner Sehnsucht.“

Keine hundert Meter vom Großen Anschlussdenkmal entfernt verläuft die Trasse der einstigen Bahnstrecke von Oberwart nach Oberschützen. In den krachenden und hüpfenden Waggons saßen Generationen von Schülern aus dem gesamten Südburgenland. Die künftigen Stützen der Gesellschaft fuhren in den Jahrzehnten nach Kriegsende zwar zu Tausenden zweimal täglich an dem Säulenbau vorbei, nahmen ihn aber mangels eines annähernd vollständigen zeitgeschichtlichen Unterrichts als das wahr, was er im Grunde ja auch ist: als eine architektonisch aufgetürmte Ansammlung von Steinen. Heute ist die Bahnstrecke verwaist und gammelt vor sich hin. Eine frostige Melancholie überzieht das Ensemble von Denkmal und erstorbenem Aufbruch in eine hoffnungsfrohe Zukunft.

Als ich meinem Freund, am Fuße des Denkmals angekommen, die ursprüngliche Bestimmung des Baus erklärte, war er eine Zeitlang still. Dann meinte er, es sei in Deutschland ein Ding der Unmöglichkeit, dass solch ein Bau das Kriegsende überlebt hätte. In Österreich indes war es sogar möglich, dass das Bildnis eines Anschlussdenkmals bis in die späten Neunzigerjahre des zwanzigsten Jahrhunderts Ansichtskarten von Oberschützen zieren konnte und damit um Gäste für den Ort warb. 

 

Der Historiker Wolfgang Krug hat in seinem 1998 erschienen Buch „Last der Erinnerung. NS-Denkmalskult am Beispiel Oberschützen“ (edition lex liszt 12) eine aufschlussreiche Erzählung nicht nur über die Entstehung des Anschlussdenkmals abgeliefert, sondern auch über die Genese der nationalsozialistischen Bewegung im jüngsten Bundesland Österreichs. So wurde bereits im Jahr 1931 das sog. Kleine Anschlussdenkmal in Oberschützen feierlich eröffnet. Auf Initiative der Jugendortsgruppe Tell des Deutschen Schulvereins Südmark hatte sich der Denkmalausschuss für einen Bauplatz an einer gut sichtbaren, erhöht gelegenen Stelle mitten im Ort entschieden. Er wurde von der evangelischen Kirche zur Verfügung gestellt. Als Anlass für den Bau des Denkmals, konzipiert in der auch offiziell so ausgewiesenen Form eines Altgermanischen Opfersteins, wurde die zehnjährige staatliche Zugehörigkeit des Burgenlandes zu Österreich genannt. In der vorab festgelegten Festabfolge findet sich neben Politikerreden und Darbietungen verschiedener Gesangsvereine unter Punkt 11 „Bundeshymne – anschließend Deutschlandlied.“ Das Ende der Einladung zum Eröffnungsakt ziert der Satz: „Seien auch Sie Zeuge des Deutschtumbekenntnisses der bgld. Jugend!“

Die Großdeutsche Idee hatte das Burgenland seit dem Anschluss Westungarns an Österreich im Jahr 1921 in besonderer Weise durchzogen, und das quer durch alle politischen Lager. Beim Landesparteitag der Sozialdemokraten im Mai 1931 erklärte Nationalratspräsident Dr. Karl Renner: „Das Burgenland ... ist eingeschlossen in die große deutsche Gemeinschaft. ... Dadurch öffnen sich ihm die Pforten Deutschlands geistig und materiell. ... Und wir werden es durchsetzen, dass dieser Anschluss vollzogen wird. Die burgenländische Sozialdemokratie auf alle Zeiten mit der österreichischen Sozialdemokratie verbunden, das Burgenland eins mit Oesterreich, das Burgenland und Oesterreich eins mit der großen deutschen Nation.“

Die Nationalsozialisten konnten hierzulande auch insofern rasch Fuß fassen, als gerade die Lehrer- und Schülerschaft deutschnationales Bewusstsein über die Maßen kultivierte und, wie das Beispiel der Schulstadt Oberschützen zeigt, dieses auch in handfeste Ergebnisse umsetzte. 

 

 

Die Installation "PFLÖCKE/Korridor" von 2008 ...
Die Installation "PFLÖCKE/Korridor" von 2008 ...
... wurde insgesamt 4 mal komplett zerstört.
... wurde insgesamt 4 mal komplett zerstört.

Laut Oberwarther Sonntags-Zeitung wurde die Einweihung des Denkmals zur Sonnwende am 21. Juni 1931 zu einer „Kundgebung für die untrennbare Volks- und Schicksalszusammengehörigkeit aller deutschen Stämme.“ Erde aus allen deutschen Gauen sollte späterhin in den Schlussstein des Denkmals eingemauert werden. Auf der Stirnseite des Denkmals prangte der Kampfspruch Deutsch allezeit, die Inschrift auf der Rückseite lautete: Ragender Stein! Mahne noch später Geschlechter, immerdar schirmende Wächter Deutschlands zu sein! Österreich kam da schon nicht mehr vor.

Keine sieben Jahre später gab es Österreich auch faktisch nicht mehr. Der Spatenstich zur Errichtung des großen Anschlussdenkmals erfolgte am 7. Oktober 1938 durch Kreisleiter Eduard Nicka, dem Vater des späteren FPÖ-Landtagsabgeordneten Eduard Nicka. Mit dabei war als Schirmherr des geplanten Denkmals auch der Landeshauptmann und spätere Gauleiterstellvertreter der Steiermark, Dr. Tobias Portschy. Er hatte die nationalsozialistische Bewegung im Burgenland seit den Zwanzigerjahren auf Vordermann gebracht und während ihrer Illegalität eine Reihe von Aktivitäten gesetzt, die schließlich dazu führten, dass der Anschluss des Burgenlandes an Nazi-Deutschland, untermauert durch mehrere Großkundgebungen, bereits ab dem 11. März 1938 praktisch vollzogen war. Also noch vor dem Einmarsch der Hitlertruppen. 

Portschy, 1949 zu fünfzehn Jahren schweren Kerkers verurteilt und zwei Jahre später bereits begnadigt, verbrachte seinen Lebensabend als hoch angesehener Mann in Rechnitz, das durch das Massaker an jüdischen Zwangsarbeitern im März 1945 überregionale Bekanntheit erlangt hat. Zu Portschys Vermächtnis zählt u.a. das widerlich rassistische Traktat Die Zigeunerfrage von 1938, in dem er eine Art Endlösung für Roma und Sinti vorwegnahm.

Der martialisch über Oberschützen thronende Bau mit zwölf mal zwölf Metern Grundfläche und acht Metern Höhe wurde unter Mithilfe der Bevölkerung, der Schüler- und Studentenschaft sowie der Hitlerjugend fertiggestellt und in Anwesenheit des Gauleiters, seines Stellvertreters und zahlreicher Nazi-Verbände sowie tausender Menschen am 21. Mai 1939 feierlich eingeweiht. Über dem Sockel mit der Inschrift Ein Volk! Ein Reich! Ein Führer! prangte, einen Kranz mit Hakenkreuz in den Klauen, ein über zwei Meter hoher vergoldeter Adler, Kopf und Schnabel wehrhaft drohend gen Osten gerichtet. 

Nach dem Einmarsch der Sowjetarme im April 1945 wurden sämtliche Inschriften von den beiden Denkmälern entfernt, der Adler fiel einer russischen Panzerabwehrkanone zum Opfer. Das nackte Gebäude ließen die Russen jedoch stehen. Das nährte die immer wieder vorgebrachte Spekulation, sie hätten den Bau verschont, damit er ein Spaltpilz in der lokalen Bevölkerung bliebe. Sollten sie dergleichen wirklich beabsichtigt haben, ist ihnen das nachhaltig gelungen.

 

Nachdem sich mein Freund fassungslos ob der Tatsache gezeigt hatte, dass ein dem Anschluss gewidmeter Tempel noch vierzig Jahre nach Kriegsende in völlig unkommentierter Weise in der österreichischen Gegenwart herumstehen konnte, gab er mir einen Tipp, wie das Denkmal einer Art Endbestimmung zugeführt werden könnte: mittels einer Pflanze, die sich in den Mörtel des Steingemäuers hineinwüchse und dieses durch ihre immer weiter vorantreibende Verzweigung nach und nach zerstörte. Er kündigte an, nach seiner Rückkehr nach München einen Kontakt zu Leuten zu knüpfen, die mir diese Pflanze zukommen lassen würden. Ich habe sie nie erhalten. Und ich hätte auch keine Verwendung für sie gehabt.

Denn eigentlich wollte ich überhaupt nicht, dass der Tempel von Oberschützen vom Erdboden verschwindet. Ich wollte in dem Steinquader vielmehr ein Angebot sehen, jedenfalls eine Möglichkeit, der Antwort auf all die Fragen nach Vergangenheit und Gegenwart durch die künstlerische Interaktion neue Anreize abzugewinnen. 

Zwei Jahre davor hatte ich, anlässlich des sechzigjährigen Bestehens des Burgenlandes, das Konzept für eine BLACK BOX erstellt. Ich entwarf eine Möglichkeit, das Denkmal in einen winddurchlässigen schwarzen Stoff einzupacken. Rascher als gedacht erhielt ich Nachricht von Dr. Gerald Mader, dem damaligen sozialdemokratischen Kulturlandesrat. Er habe, teilte er mir mit, das Projekt in der Landesregierung durchgebracht, seine Finanzierung sei gesichert.

Allerdings verwarf der Gemeinderat von Oberschützen den Plan postwendend. Laut Mader war man der Meinung, sich das Anschlussdenkmal, dessen Steine von den oberschützener Gemeindebürgern eigenhändig den Berg hochgeschleppt worden seien, von einer Kunstaktion nicht verschandeln zu lassen.

Die beiden Denkmäler in Oberschützen waren seit Ende der Besatzungszeit immer wieder Ziel deutschnationaler und kameradschaftsbündlerischer Tourismusbewegungen mit Feiern und Aufmärschen verschiedener Verbände. Dennoch konnte oder wollte sich die Gemeinde Oberschützen nicht dazu durchringen, den durchaus vorhandenen Anregungen bzgl. eines Abrisses oder einer Neugestaltung der Denkmäler mit einer klaren Haltung zu entsprechen. So blieben sie eben Tourismusziele der gewohnten Art. Nach einem am 26. Oktober 1991 von der Pennalen Burschenschaft GRENZWACHT und dem Freiheitlichen Akademikerverband Wien, Niederösterreich und Burgenland am Kleinen Anschlussdenkmal organisierten Aufmarsch wohnte u.a. auch Jörg Haider, damals Landeshauptmannstellvertreter von Kärnten, dem abschließenden Burgenland-Kommers im örtlichen Kulturzentrum bei. 

1995 passierte das Attentat von Oberwart, keine zehn Kilometer von Oberschützen entfernt. Vier junge Roma-Männer wurden von einer Rohrbombe am Güterweg vor ihrer Siedlung getötet. Österreich war schockiert. Und in mir reaktivierte sich das Bedürfnis, das Große Anschlussdenkmal in konzeptionell erweiterter Form in die ursprünglich geplante BLACK BOX zu verwandeln. Ich hatte bereits die Zusage des damaligen Bundespräsidenten Thomas Klestil für ihre Eröffnung.

Doch auch Anlauf Nr. 2 scheiterte. Dieses Mal nicht am Einspruch der Gemeinde, sondern an dem der Eigentümer, denen die Grundstücke, auf denen das Denkmal steht, 1945 wieder zurücküberschrieben worden waren. 

Anlässlich 70 Jahre Anschluss im Jahr 2008 wollte ich schließlich sowohl von Gemeinde als auch Eigentümern unabhängig sein. Im Zuge des Themenschwerpunkts zone 38 des Offenen Hauses Oberwart ließ ich eine Installation PFLÖCKE / Korridor an der am Denkmal vorbeiführenden Einfallsstraße nach Oberschützen errichten. Zuständig für die Straße sind die Bezirkshauptmannschaft und das Straßenbauamt Oberwart, von beiden bekam ich die Genehmigung denn auch ohne jedes weitere Problem.

An beiden Straßenseiten ließ ich alle zwei Meter je 35 schwarze, 70 cm aus der Erde ragende Pflöcke in der Höhe des Denkmals einschlagen, sodass die Autos durch einen 70 Meter langen Korridor von insgesamt 70 Pflöcken fuhren. Unter der Patronanz des anwesenden Landtagspräsidenten Walter Prior, eines sozialdemokratischen Burgenlandkroaten, wurde die Installation am 18. Februar 2008 errichtet. Eine knappe Woche überlebte sie unbeschadet. Dann wurden sie das erste Mal von unbekannt komplett zerstört. Bis Juni wiederholte sich das Spiel von Neuaufbau der Installation und ihrer Radikalzerstörung weitere drei mal. Ein Täter wurde, trotz mehrfacher Anzeige meinerseits, nie ausfindig gemacht.

Beide Bauten, das Kleine wie das Große Anschlussdenkmal, stehen heute da wie eh und je seit Ende des Krieges. Auf dem Großen Anschlussdenkmal wurde 1997 immerhin eine Bedenktafel angebracht, durch die der Bau zu einem Mahnmal umetikettiert werden sollte. Am weiterhin gut gepflegten Ensemble des Kleinen Anschlussdenkmals mitten im Ort fehlt solch eine Tafel überhaupt. Im Mai 2017 lud der Oberschützener Museumsverein zu einem Symposion zum Thema „Was tun mit dem Mahnmal?“ (Oberschützener Museumsblatt). Ein konkretes Ergebnis lässt sich bis jetzt allerdings nicht erkennen.