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Bleib mir vom Leibe!

Erstes Österreichisches Distanz Theater

 

BLEIB MIR VOM LEIBE! - Erstes Österreichisches Distanz Theater

Sagenhafte Übergriffe im Zeichen mangelnder Distanz

erzählt von menschenhandbetriebenen Riesenpuppen in distanzierter Betrachtung, jedenfalls aber unter Einhaltung der vorgeschriebenen Begegnungs- und Bewegungsdistanzen für DarstellerInnen und Publikum, wie sie von der Regierung als Maßnahme gegen die weitere Verbreitung des Covid-19-Virus diktiert werden.

Uraufführung

Aufzeichnung im sendefähigen Format >>
Trailer >>

Der theatralisch-literarische Seismograph Peter Wagner hat - im ersten Lockdown war das noch - ein bezauberndes, bildstarkes Stück mit dem Titel Bleib mir vom Leibe! inszeniert.
Der Standard

Die vier von Menschenhand geführten Riesenpuppen entführen das Publikum in ein dunkel glänzendes, märchenhaftes Heute.
Ö1 Kulturjournal 

Was sich Donnerstagabend in Oberwart abspielte, das sprengte von Minute zu Minute die Erwartungen.
Die Burgenländerin

Am Cocktail aus Mythen und Fakten, den Peter Wagner an zwei Abenden in Klagenfurt ausgeschenkt hat, nippt man auch noch aus der Distanz. 
Kleine Zeitung

Die Band um die charismatische Sängerin Eveline Rabold gliedert mit einem ausgiebigen Livekonzert den Abend.
Der Falter

Eine Produktion der Theaterinitiative Burgenland mit dem Offenen Haus Oberwart

Konzeption Distanz Theater, dramaturgische Einrichtung und Inszenierung:Peter Wagner
AutorInnen: Petra Ganglbauer, Siegmund Kleinl, Sophie Reyer, Katharina Tiwald, Konstantin, Milena Vlasich, Peter Wagner
SprecherInnen: Gerhard Lehner, Angie Mautz, Gernot Piff, Sabrina Rupp
Mitwirkende Bühne: Antonia Hochleitner, Romina Sylvia Achatz, Sati Veyrunes, Sonja Hanl, Gabriel Kraußhar, Máté Asbóth
Live-Musik: Eros Kadaver und sein Fürst – Eveline Rabold voc, Georg Müllner-Fang bass, Rainer Paul guit
Choreografische Assistenz & Dance Captain: Sonja Hanl
Puppendesign: Henryk Mossler
Regieassistenz: Alina Hainig
Produktionsleitung: Alfred Masal
Technik: Dominik Hofstädter
Bauten: Georg Müllner-Fang, Herbert Polzhofer, Dominik Hofstädter, Florian Decker, Henryk Mossler

Österreich 2020. Die Vorstellung von Babyelefanten soll uns den Abstand erleichtern, den es seit Ausbruch der Covid-Pandemie einzuhalten gilt. Für Peter Wagner ist dieses Gebot der Distanz gleichzeitig Gebot für die Kunst, sich damit auseinanderzusetzen und darauf zu reagieren. So entstand die Idee zum „1. Österreichischen Distanz Theater“, das Mitte August unter dem Titel „Bleib mir vom Leibe! Sagenhafte Übergriffe im Zeichen mangelnder Distanz“ seine Uraufführung erlebt.

 

ERSTES ÖSTERREICHISCHES DISTANZ THEATER

Das Erste Österreichische Distanz Theater ist ein Theaterversuch mit Augenzwinkern. Gerade das Theater lebt essenziell vom Konflikt, und das heißt: von dem direkten Aufeinanderprallen unterschiedlicher Positionen, die oftmals nicht nur in der sprachlichen, sondern auch in der körperlichen Interaktion Ausdruck finden. Insofern ist das Theater vor allem auch eine „Kontaktkultur“. Und es ist live, das heißt, dass es sich in der unmittelbaren, physischen Gemeinschaft von DarstellerInnen und Publikum ereignet.

Dies ist uns jetzt verboten – oder doch nur mit krassen Einschränkungen erlaubt! Wir allerdings, gewohnt im Wittern des prinzipiell Möglichen, erspähen darin fast so etwas wie einen Auftrag, die gegenwärtige Situation nicht nur zum Heulen zu finden, sondern sie, im Gegenteil, zum Thema unseres Spiels zu machen. Das Thema lautet demnach „Distanz“, respektive die Brechung derselben durch Akte und Positionierungen der Distanzlosigkeit. Davon ist die Geschichte wahrlich voll, lautet doch der hinter jedem Übergriff stehende Anstoß immer gleich, zumindest aber ähnlich: Macht, Unterwerfung, Hybris, Eitelkeit, Selbsterhebung, Erniedrigung anderer, Profit!

Folgt man der Überlegung, dass Macht stets auch einen Mechanismus zum vergewaltigenden Übergriff auf das Andere als inhärente Strategie in sich trägt, so ist diese in den Zeiten der von den Regierungen weltweit verhängten Bewegungs- und Begegnungseinschränkungen, wie wir sie derzeit erleben, eines Hinterfragens gerade auch am Theater wert.

Das Theater wählt in unserem Falle das, was es am besten kann: den Schlingerweg der Poesie. In unserer Vorstellung ist es die uralte Form der (Märchen/Sagen/Mythen)Erzählung, die in der ergänzenden optischen Ausformung durch (Riesen)Puppen, Stimmen, Musik und Licht zur Bewegung durch sinnliche Bewegtheit im eingeschränkten Bewegungsraum führt bzw. führen soll. 

 

HINTERGRUND DER GEWÄHLTEN POETISCHEN STRATEGIE UND REALISIERUNG


Der berühmte Mythenforscher und experimentelle Lyriker Robert Ranke-Graves hält wenig von der psychologischen Deutung des griechischen Mythos, wie sie von Siegmund Freud und C.G. Jung in die Moderne und ihr Selbstverständnis eingeführt wurde. Für ihn hat der Mythos seine Wurzeln in der realen, politisch-religiösen Geschichte. Der große Usurpator Zeus beispielsweise symbolisiert mit seinen Vergewaltigungsakten in der Regel die Eroberung matriarchalischer Gesellschaftsstrukturen mit der Großen Göttin im Zentrum. Mit solcherlei gezielten Übergriffen ging die Selbstermächtigung der patriarchalen Götterwelt einher. Sie sollte sich zum bestimmenden Machtfaktor der weiteren Weltgeschichte entwickeln.

 

 

Wenn Zeus die „breitgesichtige“ Europa, also eine matriarchalische Mondgöttin, nach Kreta entführt und dort vergewaltigt, so geht in dieser Episode nicht nur ein Sammelsurium mythologischer Erzählungen auf, sondern auch reale Geschichte. „Der Sage von der Vergewaltigung der Europa durch Zeus liegt eine frühe hellenische Besetzung (Kretas, Anm.) zugrunde.“, schreibt Robert Ranke-Graves. Ähnliches lässt sich an der Vergewaltigung Heras, der ursprünglichen Großen Göttin, durch Zeus und Daphnes, einer ursprünglich orgiastischen Göttin des real gelebten Matriarchats, durch Apollon nachweisen, nur um zwei weitere Beispiele aus einer langen Liste patriarchalischer Übergriffe zu nennen. 

 

WÄHREND DIE MYTHENFORSCHUNG

den realen Hintergrund der Mythen zu dekuvrieren versucht, gehen wir in die umgekehrte Richtung. Wir bedienen uns des erzählerischen Prinzips, Usurpation und Übergriff in eine Legende zu verwandeln. Hierzu werden fünf AutorInnen gebeten, einen Text für unser Distanz Theater zu verfassen, der sich einen bekannten Übergriff der jüngeren Vergangenheit oder der Gegenwart zum Thema nimmt und ihn so erzählt, als handele es sich um einen uralten Mythos. Die Grundsituation besteht in einem Zusammentreffen der vier „in der Ferne Verharrenden, aus Steinen Geborenen und nur in ihrem Innersten bewegten Bewegungslosen“, die sich „in der gegenseitigen Unberührbarkeit treffen“, um sich die Geschichte(n) der Welt zu erzählen. Jener Welt, die sich „im Übergriff verstetigt, um sich in die Katastrophe des neuen Ordnungsprinzips zu lösen.“

Die Erzählung der Vier wird von unseren Riesenpuppen unter Einsatz von Licht, Musik und Stimmen vorgeführt, und zwar so, dass jeder Puppe eine Erzählung zugewiesen ist, die sie den anderen dreien vermittelt. Der Bau der Riesenpuppen erfolgt unter der gestaltenden Hand des Malers Henryk Mossler.

Für die Bühneninszenierung selbst werden, neben der dreiköpfigen Live-Musik, TänzerInnen für die Performance der Puppen engagiert. Die szenische Einrichtung ist so gewählt, dass sowohl der Abstand der Puppen als auch jener der PerformerInnen zu einander nicht nur im vorgeschriebenen Ausmaß gewahrt bleibt, sondern zugleich auch das gültige Spielmuster liefert.